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Dienstag, 21. Dezember 2021

1. Teil des Interviews mit Fritz und Fritz von Rauchen.

Nachdem ihr hier das Review zu NEIN lesen könnt, habe ich die Chance bekommen zwei Mitglieder der Band via zoom zu interviewen. Ich sprach am 03.12. mit Fritz Kröger, Bassist der Band, und Fritz Heidel, der dort schlägt die Felle. 
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Rauchen: Nadine Jehle - Müller (vocals), Fritz Heidel (drums), 
Fritz Kröbel (bass), Philipp Oppenhäuser (guitar)
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Was natürlich zuerst ins Auge fällt: der Name der Band. Rauchen. Der Name ist relativ provokativ. In der Schule waren die Raucher früher die Coolen in der Schule, das Marketing hat die Raucher als harte Kerle abgestempelt und in „Stirb Langsam“ sieht man, wie sich Bruce Willis im Flughafenterminal erstmal eine Kippe anzündet. Rauchen ist heutzutage verpönt, Raucher müssen vor die Tür. Woher kommt der Name?

Fritz Kröbel: Ich bin bei der Bandgründung der einzige Nichtraucher gewesen und bin es tatsächlich immer noch. Wir hatten bereits einen englischsprachigen Namen, da haben wir aber noch nichts aufgenommen. Das hat sich dann ein bißchen zerschlagen und aus Mangel an Alternativen und in Hamburg gibt es einen Kiosk, der heißt „Tabakbörse“, danach haben wir auch unsere erste EP benannt. Da haben wir dort immer nach den Proben abgehangen und Bier getrunken. Wir haben damals in einem alten Bunker geprobt, da haben wir es nur eine halbe Stunde drin ausgehalten und sind dann zur Tabakbörse. Unser Gitarrist (Philipp Oppenhäuser) meinte dann irgendwann, lass die Band doch „Rauchen“ nennen, als wir dann alle rauchten, außer mir. Jeder hat dann eine Nacht drüber geschlafen und wir haben dann unsere Telegramm-Gruppe umbenannt in Rauchen und so ist das geblieben. Oder Fritz, hast du da ne andere Geschichte? 

Fritz Heidel: Nadine und ich haben bei dem letzten Interview herausgefunden, dass jeder eine andere Story zu diesem Namen hat. In der Essenz ist es aber genau das: wir saßen irgendwann biertrinkend um die Ecke von unserem Proberaum, weil keiner irgendwie Bock hatte in dem Bunker abzuhängen und dann sagte irgendwer: „Rauchen, ja genau, Rauchen.“ Für manche war das sofort klar, andere mussten noch eine Nacht drüber schlafen und dann ist es das geworden. Es gab da auch erstmal keinen tieferen Sinn, es klang halt cool und dann haben wir entschieden: Das ist es jetzt. 

Die Konstellation auf dem Album hört sich so an, als wurde es aus drei EPs zusammengestellt. Das ist auch unüberhörbar. Warum sind die Brecher alle in der Mitte? Es fühlt sich wie ein Aufstieg an, man schwoft, es ist shoegazig. Dann wird einem direkt in den Nacken getreten, die Nadine rastet vollständig aus und dann geht es später wieder bergab. Wer hatte die Idee? 

Heidel: Die Idee war, dass wir drei EPs rausbringen und dass diese nicht alle gleichzeitig sondern zeitversetzt veröffentlicht werden. Mit ersten EP wollten wir zeigen, dass wir etwas neues gemacht haben. Mit der zweiten EP wollen wir aber die Menschen, die unsere erste EP kennen. Die Reihenfolge auf der Vinyl ist der Reihenfolge des Releases geschuldet. Wir wollten erste was neues rausbringen, dann wollten wir ne EP rausbringen, auf der wir zeigen, dass wir immer noch Krach machen. Und danach, etwas was fernab der ersten und zweiten EP ist. Das ist zumindest unsere Wahrnehmung. 

Meine subjektive Meinung ist, dass EP I und EP III so ein bisschen aneinanderknüpfen. Der Zwischenpart wirkt eher so: „Wir treten euch immer noch kaputt, weil ihr das so wollt.“ 

Heidel: Wenn du das so sagst. 

Ich finde es interessant. Sowas kennt man von Rolo Tomassi oder Employed To Serve. Die Frau am Mikro rastet völlig aus und die Mitglieder steigen mit ein, als wenn es kein Halten mehr gibt. Man hat als Zuhörer nach dem Rand gesucht, wo man mal kurz Luft holen konnte. Bei eurem Album ist das ja gegeben. Man muss aber geistig bei eurem Album dabei bleiben. 

Kröbel: Wenn du es auf Platte hörst, sind die ersten beiden EPs auf der A-Seite und die dritte ist auf der anderen Seite. Wir haben es auch nicht so geschrieben, dass man es hintereinander hören muss. Ich zum Beispiel höre die EPs eher in sich, nicht von EP I bis EP III, sondern eher als einzelne Schritte. Und man muss auch sagen, dass unsere beiden Platten, die wir vorher gemacht haben, sehr ähnlich wie EP II waren. Wir wollten da kurz nochmal hin, dennoch wollten wir auch was anderes wagen. 

Ein Intro erinnerte mich so ein bisschen an einen Rocky-Film. Ihr wechselt dann aber in einen anderen Rhythmus, was dann verwundert. 

Kröbel: Du meinst das Europe-mäßige? 

Heidel: Was so klingt wie I Of The Tiger? 

Genau. Bei den Texten weiß ich jetzt leider nicht, inwiefern ihr da mitgewirkt habt. Da wird wahrscheinlich eher die Nadine was zu sagen können. Was mir aufgefallen ist: die berechtigte Kritik an der heutigen Gesellschaft. In Monopoly zum Beispiel, wo man selber sagt: „Moment, das geht so nicht, wie es hier gerade läuft.“ Oder auch Schlüsselkind: sie singt scheinbar aus der Sicht eines Mannes und findet es normal. Bei Männern würde man nicht stutzen, bei einer Frau eher schon. Oder ist das mein Missverständnis und mein versautes Denken durch den Deutschunterricht? 

Kröbel: Nadin schreibt eigentlich die Texte, sie hat freie Handhabe. Sie kommt dann mit einem fertigen Text und stellt ihn uns vor. Das Konzept der drei EPs ist, dass sich eine Sache entwickelt. EP I ist eine Momentaufnahme, EP II ist ein Transformationsprozess und EP III ist eine Wunschvorstellung. Da ist „Schlüsselkind“ eine Wunschvorstellung, wie es sein sollte. Dass man als Frau alleine nach Hause gehen kann, ohne das Handy am Ohr zu haben und zu tun als hätte man ein Gespräch. Das ist die Utopie, die angestrebt wird. Fritz, möchtest du dazu noch mehr sagen? 

Heidel: Ja. Die Idee ist in dem Fall, dass es nicht darum geht, wie es wäre, wenn eine Frau das macht, was Männer machen. Bei der dritten EP, zu der „Schlüsselkind" gehört, ist ein positiver Ausblick, eine Utopie. Was würde man als Frau als erstes machen, wenn es keine Typen gäbe. Oder wenn das alles nicht irgendwie scheiße besetzt wäre. Man könnte sich einfach, ohne eine Gefahr zu sehen, in den Park setzen und sich betrinken. Oder einfach so Musik hören und beim Nachhauselaufen keinen Schlüssel in der Hand haben. Die ganzen Situationen, die da beschrieben werden, sollen so gesehen werden, dass man ohne irgendwelche Sorgen oder Hintergedanken nach Hause gehen kann. 

Ist das in Hamburg auch so ein Thema? Ich dachte, dass man da schon etwas weiter ist, als meinetwegen hier im Osten? 

Heidel: Ist das nicht vielleicht eher ein Problem auf der ganzen Welt? 

Ich dachte man wäre da Jahre voraus, als hier in Cottbus, wo ich wohne. Da überlegt man sich: „Oh, die Querschwurbler sind in der Stadt, geh mal lieber nicht vor die Tür.“ In Hamburg oder in Berlin würde ich nie drüber nachdenken. 

Heidel: Da geht es weniger um Nazis als um Männer und generell Gewalt, die von Männern aus geübt wird. Dumm gesagt, kannst du ja mal einen Feldtest und weiblichen Freundinnen vortragen. Du kannst dann ja Fragen: „Läufst du auch manchmal mit einem Schlüssel in der Hand nach Hause, wenn du Angst hast?“ Oder „Tust manchmal so, als würdest du telefonieren, wenn jemand auf deinem Heimweg hinter dir herläuft?“ Das ist egal ob in Cottbus oder sonst woanders auf dieser Welt. Das ist das Patriarchat immer noch ein Ding. Gewalt an Frauen und Einschuss für die Filterung von Frauen in alltäglichen Situationen ist immer noch ein Ding. Die gesamte EP muss aufmerksam gehört werden. Dadurch, dass die Texte auf Deutsch sind, sind sie für uns im deutschsprachigen Raum greifbar. Man kann aber auch an einigen Stellen, wenn man nicht ganz so fit ist, missinterpretierten, wenn man es so will. 

 Kröbel: Die Texte sind aber mit Absicht so. Aber das ist nicht das erste Mal, dass wir Fragen zu „Schlüsselkind“ bekommen haben. Aber darum geht es auch. Unsere ersten EPs waren noch sehr eindeutig, ist es hier ein bisschen mehr Platz für Interpretation. Man fällt nicht direkt mit der Tür ins Haus.

Stellt euch vor, eure Texte würden in hundert Jahren im Deutschunterricht behandelt. 

Heidel: (lachend) Cool wäre es, aber ich denke mal, dass die was Besseres zu lesen haben als unsere Musik.

Wenn man aber überlegt, was so im generischen Radio, in der UKW-Landschaft so läuft, ist das recht eintönig und echt zu beliebig. Mir sind Texte, die zum Nachdenken einlädt oder Musik, die aus dem Rahmen fällt, lieber. 

Heidel: Das ist ja vollkommen verständlich. Die Idee von Radio ist ja meistens irgendwie Hintergrundgeplänkel. Es wird aber auf der anderen Seite einfach das bedient, was Menschen hören wollen. Und wenn Menschen in diesem Moment irgendetwas Belangloses hören wollen, dann wollen sie das wohl hören. Und das ist ja vollkommen ok. 

Kann aber auch dazu führen, dass man irgendwann irrelevant wird, weil der Sound out ist. 

Heidel: Das ist ja auch Teil des Geschäfts. Wenn die Teil der Musikbranche bist und damit irgendwie Kohle machen willst, dann musst du dich an den Käufer:innen orientieren. 
 
Kröbel: Stell die vor, wir würden im Radio laufen. 

Heidel: Wenn wir im Radio liefen, wäre das cool. Aber stell dir mal vor, die Leute würden sagen, ihr seid radiotauglich. Dann wäre das halt so. 

Es gibt hier einen Radiosender in der Region, radioeins, der ist auch eher für Musiknerds gedacht. Da könnte man euch spielen, zumindest die shoegazigen Sachen. Die anderen wären etwas out of place, aber das ist schon gut. Wo wir gerade dabei sind. Wer kam auf die Idee, Shoegaze hineinzumischen. 

Kröbel: Ich fand es lustig, dass du Shoegaze gesagt hast. Wir haben jetzt schon sehr viel gehört: Postpunk, Grunge, alles mögliche. Ganz allgemein kann man sagen, dass es schwer einzuordnen ist, was es denn ist. Shoegaze kommt hier und da vielleicht hin, aber ich bin auch der einzige in der Band, des das ansatzweise hört. Grundsätzlich haben wir bei Null angefangen und wir haben uns am Anfang auch gesagt, dass wir was neues machen wollen. Wir wollten weg von dem klassischen Geballer, was wir gemacht haben. Wir haben dann, dank Corona, sehr viel Zeit im Proberaum verbracht. Vor allem auch zu dritt mit unserem Gitarristen Philipp. Der hat viele neue Pedals und unser Schlagzeuger (Fritz Heidel) hat viele Riffs und Songideen mit reingebracht. So haben wir dann einfach gebastelt und am Ende ist das dabei herausgekommen. Das betrifft aber alle drei EPs. Wir haben die Stücke durcheinander geschrieben, als fließender Prozess. 

Jetzt kommt ein kleiner Bruch: 
Habt ihr sowas Day-Jobs, wo dann vielleicht die Inspiration und Ideen für die Songs herkommen? 

Heidel: Die Inspiration für die Musik ziehe ich aus allem anderen, außer der Arbeit. Ich weiß nicht, ob das bei dir anders ist Fritz. 

Kröbel: Bei den Texten, ohne da jetzt zu viel zu sagen, zieht die Nadine da sehr viel aus der Arbeit. Wir müssen das jetzt aber nicht weiter vertiefen. Es ist aber recht unterschiedlich, wo wir unsere Interpretationen herbekommen. Arbeit ist ja auch ein Thema auf der EP. Wenn du die Monotonie anhörst, da geht es um die Monotonie der Arbeitswelt. 

… und dass dein Boss nicht dein Freund ist. Schmerzliche Erfahrungen durfte ich damit schon machen. 

Heidel: Wer nicht? Wer nicht? 

Aber ist das dann eher so ein amerikanisches Ding? Man ist 9 to 5 auf Arbeit, macht noch ein paar Überstunden und geht dann noch mit dem Betrieb in ne Bar? In meinem alten Betrieb kannte ich ein paar Leute, mit denen man auch abends einen trinken hätte gehen können, aber doch nicht mit dem ganzen Betrieb. 

Heidel: Ne, locker nicht. Es kommt auch drauf an, wo du arbeitest und wie. Natürlich kannst du nicht immer mit allen Menschen, aber je nachdem wo du arbeitest, kannst du mit dem Großteil der Leute gut und gern noch ein Bier trinken. Ich habe bis Corona in der Life-Musik-Branche gearbeitet und hab immer noch mit Philipp zusammen eine kleine Managementagentur. Wenn wir da noch life unterwegs gewesen sind und ne Tour gemacht haben, haben wir dann abends am Bus noch ein Bier getrunken. Das gehört einfach dazu, ist aber auch dem Job un dem Arbeitsumfeld geschuldet. In meinem jetzigen Job würde ich das nicht machen, denke ich.

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Rauchen - Nein (Zeitstrafe/Fleet Union)

Rauchen fetzt. Natürlich ist der Name der Band provokant, man hat aber sofort einen Aufhänger. Mit Nein hat man ein Album aus drei EPs geschrieben und aufgenommen. Diese drei EPs grenzen sich auch akustisch ab. 

Zu Beginn schwoft man mit Shoegaze ganz entspannt durch die Gegend, auch wenn man mit dem Text von Monopol(y) eindeutig auf die Zustände in der Polizei hinweist. Darauf folgt ein ewiges Hamsterrad, und zwar von der Schule bis zur Rente. Man merkt der Band an, dass hier einiges unter den Fingernägeln brennt. Mit Aufnahme wird die zweite EP eingeläutet, auf dem Album befinden wir uns passend im zweiten Drittel. Ab hier wird einem 4 Titel lang in den Rücken getreten. Die Band dreht alle möglichen Regler auf und die Sängerin ist am Anschlag. Hier besinnt man sich auf die alten Tugenden, hier trifft Hardcore-Punk auf pures Chaos und Zerstörung. Fast wie bei The Dillinger Escape Plan. Man bleibt den Thematiken treu: es geht um die aufgezwungenen Rollen der Frau, um Arbeit und Freundschaft. 

Nachdem man dann alles durchgewühlt hat und jeder schwitzend am Boden liegt, tritt die Band auf die Bremse und singt einem vor, wie sich das alles nach einem Konzert anfühlt. Man ist glückselig und man kühlt langsam wieder herunter. Danach gibt man dem "Schlüsselkind" den Raum, sich so zu verhalten, wie ein Mann. Bei ihm stellt man einiges an merkwürdigem Verhalten nicht in Frage, bei Frauen eigenartigerweise schon. Hier lädt man sich sogar ein paar Trompeten ein, die am Ende des Stücks ordentlich eskalieren. 

Man kann sich dieses Album wie einen Aufstieg auf einen Berg vorstellen, im Mittelteil ist man oben angekommen und dann geht es wieder abwärts. Wir werden auch bald in einem Interview erfahren, warum man diese Konstellation gewählt hat. 

Der Sound auf dem Album, was nicht mal eine ganze halbe Stunde lang ist, ist großartig. Das Schlagzeug hat ordentlich Druck bekommen und der Bass darf sich recht viel Raum nehmen. Der Gesang wirkt in den ruhigen Tracks recht gelangweilt, das kann aber Absicht sein. Die Effektgeräte kann man in einzelnen Tracks rauschen hören, wenn mal kein Instrument gespielt wird. 

Release: 03.12.2021
Label: Zeitstrafe

Anspieltipps: Wasserglas, Monopol(y), Schlüsselkind

6/6 Punkten (Achterbahn mal anders.)

Rauchen - Nein
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Dienstag, 26. Oktober 2021

Lygo - Lygophobie (Kidnap Music/Fleet Union)

Eigentlich wollte man nach der Tour 2019 eine größere Pause einlegen, um einfach mal alles sacken zu lassen. Und dann hatten die Jungs von Lygo im Jahre 2020 nicht so all zu viel zu tun. Der Drummer beschäftigte sich intensiv mit Musikproduktion und schaffte somit die Möglichkeit, dass man sich als Gruppe isoliert neuen Songs widmen konnte. Alle Titel von Lygophobie sind im Probenraum entstanden und auch dort aufgenommen worden. 

Auch wenn der Name des Langspielers wie ein intelligentes Wortspiel klingt, handelt sich hierbei doch um einen Fachbegriff. Es handelt sich hierbei um die Angst vor der Dunkelheit. Die Band erzählt mit ihren Texten von dunklen Seiten und Zeiten. Es geht um schlaflose Nächte; um eine Gesellschaft, die sich im Netz darstellt und hemmungslos kommentiert; um Polizeigewalt und das eigene Selbstmitleid und dem Selbstmord (oder den Moment danach, wenn man sich nicht getraut hat), zumindest lassen einige Textzeilen aus Warmes Bier und Kalter Kaffee darauf schließen. Vielleicht hat der Deutschunterricht hier seine Spuren hinterlassen, mit der berühmten Frage: "Was will uns der Künstler damit sagen?"

Wie bereits schon erwähnt, hat der Drummer hier die Zügel in der Hand gehabt. Die Drums drücken ordentlich fett; der Bass hat viel Platz bekommen und ist pregnant vor Ort und der Gitarrist weiß sein Instrument zu bedienen. Der Sänger singt weniger, er klagt eher an. Das passt aber auch zum klanglichen Gesamtkonzept, denn alles prügelt, dann muss die Stimme eben auch drüber sein. Wer etwas mit Akne Kid Joe, Fjørt (hatten wir hier und hier mal) oder Turbostaat etwas anfangen kann, der darf hier gern zugreifen. 

Release: 29.10.2021
Label: Kidnap Music

Anspieltipps: Zusammen im Bett, Fight Club, Schockstarre

6/6 Punkten (Hier gibt es Texte für den Leistungskurs Deutsch)

Lygo - Lygophobie
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Dienstag, 30. März 2021

New Pagans - The Seed, The Vessel, The Roots And All (Big Scary Monsters/Fleet Union)

Frauen und Männer werden in der Gesellschaft seltener gleich behandelt, als es manch einer wahr haben mag. Die Sängerin Lindsey McDougall singt ihrer Band New Pagans genau dagegen an. Nicht nur das sie Schwanger auf der Bühne stand, nein, sie schaffte es mit ihrer Band 2020 ein EP zu veröffentlichen und ein Album aufzunehmen. 

Auf The Seed, The Vessel, The Roots And All geht es um nichts geringeres als Frauenrechte, Inklusion und Gespräche, denen man in den belfaster Öffis heimlich lauschen kann. Nun würde man in der Schule sicher gefragt werden, welches der drei Themen nicht dazu gehört, der Band ist das egal. Musikalisch bewegen wir hier und irgendwo zwischen Grunge, Alternative Rock und stechen hier und da in den Shoegaze ab. Man nimmt sich sogar einige Riffs von den ganz Großen und wandelt diese ab. Die ersten Takte von I Could Die klingen fast wie die ersten paar Sekunden von Black Sabbath's Paranoid. Wer jetzt "Paranoid" nicht kennt, der sollte sich das jetzt aber schleunigst anhören, sonst gibt es hier ganz große Bildungslücken. An sich scheint es, als hätte man viel Zeit gehabt um das Album aufzunehmen. Es gibt verdammt viele Details und Lagen, die Produktion ist außerordentlich gut gelungen. Die Gitarren, es sind zumindest immer zwei zu hören, sind nicht ganz auf Anschlag verzerrt, man kann dennoch gepflegt rocken. Aber auch verträumt im tanzen im Bühnenlicht geht auch, mit geschlossenen Augen versteht sich.

Um das ganze hier zum Ende zu bringen: die Platte ist gut, mit fast 90 Minuten ausgesprochen lang, viele Titel stehen für sich allein, so merkt man, wo man auf der Platte gerade ist. Wie bereits erwähnt, ist die Produktion richtig gut und das Arrangement weiß zu gefallen. 

Release: 19.03.2021
Label: Big Scary Monsters

Anspieltipps: It's Darker, Ode To None, Yellow Room

5,5/6 Punkten (Heidnische Musik mal anders.)

New Pagans - 
The Seed, The Vessel, The Roots And All
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Sonntag, 1. November 2020

Bitch Falcon - Staring At Clocks (Small Pond Records/Fleet Union)

Bitch Falcon, die hatten wir hier mal, könnte man getrost als Band der Lagen bezeichnen, obwohl die Musiker_innen nur zu dritt sind. Das dubliner Trio gibt es bereits seit 2014, nur hat man es noch nicht geschafft, ein Album auf die Beine zu stellen. Es gab eine EP und ein paar Singles. Nun Starren wir zusammen mit den Künstlern, die allesamt einer normalen Tätigkeit nachgehen, auf Uhren. Staring At Clocks beginnt mit einem relativ verstörendem Geräusch. Wenn ihr Nachbarn habt, die ihr ärgern wollt, dann könnt ihr das Intro von "I'm Ready Now" nehmen. Dabei ist das Album alles andere, als eine lose Ansammlung von Geräuschen, das konnte man bei der Single Gaslight ausgiebig erkunden. 

Wir betreten eine 41 Minuten große Kathedrale. Das ist als Raummaß schon eigenartig, das Album ist nun mal nicht länger. Von allen Seiten wird der Klang reflektiert, von klaren, riesigen wänden, die kühl scheinen. Man wähnt die Band an jeder Ecke, der Bass ist stets präsent, die Gitarren geben mal pure Verzerrungen wieder, ein anderes Mal werden die Saiten klar angeschlagen und fast ungefiltert über die Verstärker wiedergegeben. Und trotzdem es um echt Teilweise finstere Thematiken wie Depressionen, niedriges Selbstbewusstsein und Ängste geht, sind die Songs mit Energie geladen. Es gibt schnelle Rhythmen, wie in Damp Breath; es wird auch mal entspannt mit verschlafenen Augen zu Klängen getanzt, die aus den 80ern sein könnten. Der Bass und die Gitarre stehen auch mal in einem Konflikt zueinander, als würden sie das eine nicht mit dem anderen in Übereinstimmung bringen können. Die Band bezeichnet ihre Musik als Dream Grunge. Vielleicht fühlt sich eine Depression auch so an, denn dies ist nicht nur ein Stimmungsbild, sondern befällt den Organismus. Die vielen Einflüsse von außen treffen zusätzlich auf einen ein und um klar zu kommen, verkriecht man sich. 

Die Produktion ist übermächtig gut und wird der Musik mehr als Gerecht. Die Samples, die aus Trickfilmserien der 80er sein könnten, passen ins Bild, dabei sind die Künstler zu dritt und bedienen eigentlich nur die analogen Instrumente. Das wird auf der Bühne sicher lustig. Obwohl, da war ja was. 

Release: 06.11.2020
Label:  Small Pond Records

Anspieltipps: Gaslight, Damp Breath, Test Trip

6/6 Punkten (Jetzt werden alle auf den Kalender starren & auf das Ende des Novembers warten.)

Bitch Falcon - Staring At Clocks
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Montag, 17. August 2020

Kid Dad - In A Box (Long Branch Records/SPV/Fleet Union)

Kid Dad hatten wir hier mal im Interview, wer sich vielleicht daran erinnert. Damals waren die Jungs mit RAZZ auf Tour und es gab nur eine kurze EP, das Potential der Band zeigte sich bereits hier. Auch auf der Bühne konnte das Quartet überzeugen. 

Nun ist zwischen dem Interview und In A Box relativ viel Zeit vergangen, die Jungs studieren ja noch. Ihr angesammeltes Wissen spiegelt sich auf dem Langspieler in jeder einzelnen Sekunde wieder. Das Beginnt schon beim kurzen Intro, welches einen leeren Raum darstellt. Die Aufnahmen hingegen fanden außerhalb von gewohnten Bahnen statt, da man mal in Ostfriesland, mal in Berlin und auch Hannover war. Wer jetzt genau diese Einflüsse sucht, kann sie finden, das muss aber nicht passieren. In A Box wirkt wie aus einem Guss aber dennoch spannend. Es gibt Spannungsbögen, man wirkt zerbrechlich wie im Grunge, es gibt nicht direkt lärm. Dann gibt es Songs, die Anfangen wie die besten Stücke von The XX, um dann doch mal kurz mit den Gitarren alles niederzuschlagen. Und genau im selben Stück geht es dann wieder zurück zu den Briten, die früher gerne viel Schwarz trugen. Direkt im ersten Durchlauf hat man das Gefühl, dass das ein Album voller Lieblingslieder werden kann. Die Melodien schneiden sich direkt in die Gehirnwindungen fest und mehrfach huscht einem einen Grinsen über das Gesicht, da man den nächsten guten Moment auf der Platte erwischt hat. 

Thematisch geht es recht ernst zu. Man singt über unsichtbare Gefängnisse, darüber, dass man am liebsten Brennen würde, es geht um den Selbsthass, dass man nicht der sein darf, der man ist und dass man hier und da Notlügen einschleust, was mitunter die menschliche Natur ist. Das sind mitunter die Themen, die einen umtreiben, wenn man erwachsen wird und auf seine Eltern oder Großeltern sieht, was die alles in ihren jungen Jahren erreicht haben. Man nimmt dem Sänger diese schweren Gedanken ab, man hört den Schmerzen, die Fragen und die Zweifel. 

Wie bereits erwähnt, setzen die jungen Männer aus dem Studium in ihrer Musik um. Es gibt nichts, was zu viel ist, nichts, was absichtlich streckt oder irgendwo künstlich eingestreut wird nur um ein paar Minuten mehr Musik auf den Langspieler zu bringen. Experimente, wie absichtlich falsch gestimmte Gitarren auf A Prisoner Unseen, glücken erstaunlicher Weise und passen direkt ins Soundgewand.

Release: 21.08.2020
Label: Long Branch Records / SPV

Anspieltipps: Happy, [I Wish I Was] On Fire, Window

6/6 Punkten (In diesem Alter sind die schon so gut!)

Kid Dad - In A Box
(Quelle: Bandcamp.com)

Donnerstag, 26. März 2020

Bloggeburtstag Nummer 8

In was für komischen Zeiten wir gerade leben. Wir haben alle Angst vor einem Virus, Plattenveröffentlichungen werden verschoben, genauso wie Konzerte und Festivals. Kleine Clubs bekommen finanzielle Probleme, Bands veranstalten ihre Konzerte teilweise im Internet. Oder sollte ich schreiben, Neuland? Gerade jetzt zeigt sich auch, dass nicht nur Digitalisierung in Deutschland weit hinter den Erwartungen ist, aber auch die Wirtschaft scheint auf solche Szenarien nicht vorbereitet zu sein. Das merkt man vor allem daran, dass jetzt alle, auch international, nach finanziellen Hilfen schreien. Vom Gesundheitswesen ganz zu schweigen, aber da gebe ich keinem Krankenhaus, Pfleger oder Leiter die Schuld. Es ist scheinbar alles auf Kante genäht und sobald etwas schlimmes passiert, hat man keine Rücklagen dafür. Aber was meckere ich hier.

Vor etwas mehr als acht Jahren fing ich an, über Musik zu schreiben. Zuerst ging es kostenlos zu, schnell war ein Fanzine am Start und heute schreibe ich über Alben, die auf ganz großen Labels laufen, siehe Underneath von Code Orange auf Roadrunner Records oder The Truth Of Sacrifice von Heaven Shall Burn auf Century Media. Das sind natürlich Glücksfälle für mich, was aber nicht bedeutet, dass ich die kleinen Releases nicht mehr feiere. Nachwie vor gibt es hier fast alles zwischen derbsten Metal und ruhigem Folk, siehe das aktuelle Album Folkesange von Myrkur. Dabei komme ich nicht immer dazu, mich ausreichend jedem guten Album zuzuwenden, was mir im Herzen schmerzt, sich aber aktuell nicht ändern wird. Ich wurde auch schon gefragt, warum ich nicht Reviews über die Alben der "ganz großen Stars" schreibe, ihr wisst schon, das was man jeden Tag im Radio empfangen kann. Ich würde ja damit mehr Klicks generieren und dann vielleicht auch damit irgendwann Geld verdienen können.

Mein Blog ist in der Musiklandschaft nur einer von vielen. Wer weiß, wann ich hätte damit am Start sein müssen, um damit meine glutenfreien Brötchen kaufen zu können? Dann mag ich die aktuelle Radiomusik nach wie vor nicht, obwohl mir 87.9 StarFM auf der Rückfahrt von Rovaniemi nach Cottbus durchaus gefallen hat, auch wenn wir den Sender nur in und südlich von Berlin (bis etwa Lübben) empfangen konnten. Auf Arbeit, wenn ich mal die Musik bestimmen darf, läuft der Sender auch und es gibt keine oder kaum Beschwerden, weil es ja Lärm und keine Musik sei. Daheim kann ich den Sender leider nicht übers Kabelnetz hören, sondern nur übers Internet, weil der Kabelanbieter, warum auch immer, SunshineLIVE auf die Frequenz gelegt hat. Ich habe fast im Strahl gebrochen, da die Musik hier, zumindest im Kabel, der selbe, mit Verlaub geschrieben, Rotz ist, wie der Rest im UKW. Vielleicht muss ich einen eigenen Rock/Metal/Folk/Indie-Pop-Sender aufmachen, damit man wirklich Vielfalt schafft.

Wir ihr oben lesen konntet, war ich in Skandinavien und das nicht nur einmal. Im Sommer waren meine Freundin und ich in ihrem Kombi zwei Wochen unterwegs und haben es bis auf die Lofoten geschafft. Im Herbst waren wir dann, der Polarlichter wegen, in Rovaniemi, aber auch wegen des Weihnachtsmannes und der Rentiere und Huskies. Und bevor ihr fragt: ja, man kann auch im skandinavischen Spätherbst im Auto übernachten und überlebt dies ohne Erkältung. Finnland ist musikalisch interessant, da die Finnen mit Suomirock einen Musiksender der Rockmusik auf Suomi spielt. Es klingt auch schräg, wir haben diese Eigentümlichkeit aber genossen. Es sind auch wirklich interessante Titel dabei, wie Kotieollisuus' Tämän Taivaan alla, Apalanta's Lokin päällä lokki (die klingen hart nach Linkin Park) oder Sara's Yhtenä Iltana.

Ich bin auch weiterhin im Ensemble von Rabota Karoshi und kann dort meinem inneren Unsinn freien Lauf lassen. Hier organisiere ich ab und an die Proben und habe bereits einen Pressetext verfassen dürfen, auch wenn dieser jetzt hinfällig ist, da die Show im April stattfinden sollte.

Zukünftig wird es hier weiterhin in ungleichmäßigen Zeitabständen Einträge geben, ihr wisst ja: Arbeit, Verpflichtungen und andere Hobbies, wie der andere Blog, laufen auch weiter. Ich werde auch weiterhin nach kostenloser Musik suchen, ich werde aber auch versuchen, an die ganz großen Alben zu kommen, vor Release. Aber nicht so, wie manche denken werden, ich rede von den Deftones und Co.. Manchmal hat man ja Glück.

Natürlich gehört der Dank immer noch denjenigen, die mir weiterhin Alben schicken, darunter Fleet Union, Kinda Agency, Add On Music, Gunner Records, Check Your Head und All Noir. Ich freue mich über jede Mail, über jede Einladung zu einem Interview oder Konzert, auch wenn das dann mal ein Donnerstag oder gar Freitag ist. Also, auf in ein neues Blogjahr voller neuer und alter Gesichter, ob nun neben oder mitten im Strom.

Wenn um Mitternacht die Sonne am Atlantik nicht untergeht.
(Quelle: Eigenes Bildmaterial)

Freitag, 21. Februar 2020

InTechnicolour - Big Sleeper (Big Scary Monsters/Art As Catharsis/Fleet Union)

Die vier Mannen von InTechnicolur kommen, so lässt es die Schreibweise wohl schon erahnen, aus UK, genauer aus Brighton. Das ist aber auch das einzige, was auf den Inselstaat hinweisen könnte. Denn der Sound der Band bewegt sich in ganz anderen Gefilden.

Denn gleich zu Beginn wird man von Gitarren begrüßt, die aus einem Album von den Queens Of The Stone Age oder vielleicht auch von Red Fang oder Silver Snakes sein könnte. Der Gesang tut dann sein Übriges und so kommt man vom Gefühl nicht weg, dass das eigentlich keine Briten sein können. Wenn man an Britische Bands denkt, wie Placebo oder Oasis, dann kommen einem eher melancholische oder leicht dissonante Töne in den Kopf. Aber das hier ist anders. Es ist kraftvoller, hat wumms und knallt an fast allen Ecken und Kanten. Warum fast? Nun, nach knapp der hälfte es Albums und vier flott gespielten Titel gibt es einen Bremser, der mitten im Album mal eben über sieben Minuten misst und so ziemlich schlurft. Gut, wir sind hier irgendwo im Desert Rock, geparkt neben Sludge und etwas Doom. Der Song Doomer könnte hier einen Hint geben, wer noch nicht draufgekommen ist. Ab da wird es dann etwas zäh, man wird gefordert und will auch am Ball bleiben, aber die Energie aus der ersten Hälfte will hier nicht mehr so ganz zünden. Die Produktion kann hier aber noch einiges rausreißen, denn es drückt ordentlich und gibt Headbangern wie Shaker nach hinten noch mal den letzten Kick.

Vielleicht muss man das Album aber auch wie die verschiedenen Phasen des Einschlafens verstehen, deswegen vielleicht auch der Name Big Sleeper. Am Anfang ist alles wuselig und aufgedreht, man hat Mühe runterzukommen und dann beginnt er, der tiefe und entspannte Schlaf. Man könnte sich hier aber auch die Fahrt aus einer belebten Stadt heraus in die Wüste vorstellen. Erst alles hektisch und belebt, man kommt in die ruhigeren Außenbezirke um dann in die leere, öde Wüste zu rollen. Hier ziehen sich die Kilometer ewig hin und alles wirkt weiter entfernt als es einem die Straßenschilder schreiben. Hier und da findet man vielleicht eine Tanke oder einen kleinen Markt, sonst ist alles so ziemlich leer. Das kann erschrecken aber auch Raum geben um etwas neues, kraftvolles entstehen zu lassen.

Wir ihr gelesen und zum Teil auch schon gehört habt, kann man viel in dieses Machwerk interpretieren. Für Fans der oben genannten Bands und Genres ist Big Sleeper definitiv hörens- und kaufenswert. Wer mit Rockmusik etwas anfangen kann, darf hier liebend gern zugreifen, man muss sich aber auch die Zeit nehmen um weiter hinten dann wirklich hinzuhören und zu genießen. Es ist halt keine blöde Popmusik, die mal eben so geschrieben und hingezimmert wird.

Release: 21.02.2020
Labels: Big Scary Monsters (EU), Art As Catharsis (AUS)

Anspieltipps: Miami Funk, Shaker, Under The Sun

4,5/6 Punkten (Da hat man zwischendrin einfach die Schuhe gewechselt.)

InTechnicolour - Big Sleeper
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Samstag, 15. Februar 2020

Twins - Soon (Through Love Records/Fleet Union)

Zwillinge werden stets als gleich angesehen, manche verhalten sich auch so. Das es auch anders geht, beweisen die Höpner-Brüder Hansen und Paul. Bei der Band Twins verhält es sich ähnlich, die Besetzung ist allein schon unterschiedlich. Hier treffen zwei erfahrenen Musiker der Band Mikrokosmo23 auf zwei unerfahrene Menschen, die vorher noch nie in einer Band waren.

Diese Gegensätze findet man so auf dem Album Soon wieder. Denn hier trifft pures Chaos aus entspannte und versöhnliche Töne, wildes Geschrei auf entspanntes Singen und Instrumentals, dissonante Gitarrenklänge auf atmosphärische, die fast an die Deftones herankommen. Es treffen mit Englisch und Deutsch, zumindest ein paar Einwürfen, zwei Sprachen aufeinander. Vielleicht hat auch das dafür gesorgt, dass der Langspieler Soon so chaotisch wirkt. Die jungen Unerfahrenen geben neuen, frischen Input und die erfahrenen Jungs ihre Erfahrung. Das könnte die ausgewogene und erwachsene Produktion des Albums erklären. Das Schlagzeug hat ordentlich Punch und ist klar dargestellt. Die Gitarre(n) sind auf beide Stereo-Kanäle verteilt und spielen sich an vielen Stellen unterschiedliche Riffs zu oder werden in Tracks wie Cockroaches II aufgetrennt und wieder vereint.

Wie ihr gerade lesen konntet und vielleicht auf Bandcamp schon gehört habt, spielt sich das hier alles irgendwo zwischen Math-Rock, Punk, Rock, Post-Hardcore und Indie-Rock ab. Es gibt hier und da ein paar Geräuschkulissen aus dem Alltag, die einfach auf den Langspieler geschmissen wurden. Am Ende gibt es ein Zitat aus deinem Film (?), in dem sich die Stimme darüber beschwert, dass ihm der Rücken schmerzt und das Leute scheiße sind. Die Rückenschmerzen kann man verstehen, wenn man sich dem ganzen komplett hingibt, das Album ist aber sich nicht für Jedermann. Die Stimme des Sängers ist meist am Anschlag oder drüber, die Gitarren und die Rhythmusabteilung sind sehr vertrackt. Mal wird schnell galoppiert, mal geschlichen ein anderes Mal wird, wie im Jazz, schnell getippelt. Die Wahl der Titelnamen ist durchaus interessant, wenn auch vielleicht mit Cockroaches I und Cockroaches II sowie Houses 1, 2 und 3 etwas einfach gewählt. Aber man kann sicher eine Geschichte darüber erzählen. Kakerlaken leben eben ewig und werden uns überleben und Häuser ebenso. In Library und Maps wird es mit den deutschen Texten über Ansprüche, Entschuldigungen, Narben, mehrere Leben und ein Zuhause, welches eine Halde ist, sehr unbequem.

Release: 14.02.2020
Labels (EU): Through Love Records, ZilpZalp, Dingleberry Records, Fresh Outbreak Records, Fireflies Fall

Anspieltipps: Cockroaches II,  Houses I,  Dogears

5/6 Punkten (2 plus 2 ist hier 1)

Twins - Soon
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Freitag, 13. Dezember 2019

Leitkegel - Wir sind für dich da (My Favourite Chords/Fleet Union)

Leitkegel hatten wir hier mal. Da gab es "Neben dem Strom" noch viel Sturm und Drang und man musste einiges lernen. Die Band selbst hat zwischen Raketenwissenschaft und Wir sind für dich da ein paar Split-EPs herausgebracht und "Raketenwissenschaft" neu aufgelegt. Bereits damals fielen die interessanten Texte auf, da man Neurosen einpacken sollte oder ein Salat Zweifünfzig kosten würde. Und nun?

Tja, man ist gewachsen, in fast sämtlichen Dimensionen, die man sich vorstellen kann. Das Album ist ordentlich lang, man hat es auf ganze neun Titel geschafft und der Sound ist mehr als anständig ausstaffiert. Aufgenommen wurde WSFDD (die Kurzform) live, man kann auf einigen Tracks ein paar Einzähler hören. Instrumental hat man sich getraut, die ursprünglichen Pfade etwas auszutreten und breiter zu machen. Auf Ich hab 99 Probleme und das Mädchen hat mich gibt es eine Trompete (an wen erinnert euch dieser Titel wohl?) und in Über Täler und durch Berge gibt es Streicher. Der Sound an sich klingt schon fetter als auf dem Vorgänger, man kommt an vielen Stellen an Fjørt heran (hatten wir hier und hier schon mal), Strassenkampf könnte glatt aus deren Feder stammen. Das besungene Thema ist hierbei nicht weniger ernst. Man kann aber auch spitzfindigere Texte schreiben (siehe Erste Welt Probleme), aus den Raketenwissenschaftzeiten konnte man gut lernen.

"Wir sind für dich da" erschließt sich in den ersten Durchläufen viel über den Klang, über den drückenden, teils scheppernden Bass, über die Gitarren, die sehr virtuos eingesetzt werden, über die bereits erwähnten Instrumente und auch die wilden Rufe aus dem Hintergrund. Erst später, wenn man die Texte in einigen Hirnwindungen installiert hat, nimmt man das Album auf einer anderen Ebene wahr. Man findet die Spitzfindigkeiten und auch sich selbst. So gut wie jeder wird angesprochen, jeder kennt irgendeine der besungenen Situationen und schaut auf. Und der Sänger, der ist nicht nur mehr Kläger sondern auch Sänger. Er findet Harmonien, lullt den Zuhörer ein und schreit dann wieder mit voller Inbrunst. Das ergibt einen sehr großen Replay-Faktor, aber den hatte der Vorgänger auch schon.

Release: 13.12.2019
Label: My Favourite Chords

Anspieltipps: Wie soll man sich hier entscheiden?

Strassenkampf: Man spannt zu Beginn einen kleinen Bogen, den man dann mit voller Wucht explodieren lässt. Die Gitarren stellen mit dem Bass massive Wände auf, die dann vom Sänger eingerissen werden.

Über Täler und durch Berge: Dieser Titel schreit förmlich nach Liebeskummer. Hier sind die Streicher an Board und geben noch mehr Emotion mit, dabei quillt das hier an allen Ecken und Kanten über.

OJ Simpson (Waffen töten keine Menschen): Eine krude Mischung aus Emo, Rock, Punk und etwas Math-Gefrickel. Der erste Satz schlägt richtig ein. Dabei geht es wohl um falsche Freunde und den Versuch, Nichts großartig wirken zu lassen (ihr wisst schon, die sozialen Netzwerke und so).

Ohne Frage: 6/6 Punkten (Einmal Bauwagenplatzromantig mit Strassenkampf zum Mitnehmen bitte)

Leitkegel - Wir sind für dich da
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Samstag, 28. September 2019

Konzertbericht: Thees Uhlmann (26.09.19. Gladhouse, Cottbus)

Wenn Thees Uhlmann ruft, nehmen viele einen weiten Weg auf sich, so auch am 26.09. in Cottbus. An den Straßenrändern und auf den Parkplätzen der näheren Umgebung standen gar Autos mit Nummernschildern aus sächsischen Landkreisen. Dementsprechend voll war auch das Gladhouse, auch wenn es nicht ganz ausverkauft war.


Alle Gäste waren relativ entspannt, es gab kein großes Gedränge und jeder hatte ein Lächeln auf den Lippen. Der Altersdurchschnitt schien auch etwas höher zu sein, anscheinend waren viele der Besucher Fans der Band Tomte und waren deswegen bei Thees. Der kam Punkt 20:30 auf die Bühne und begrüßte die Meute mit einem netten "Moin". Die Menge tobte und die Band legte direkt los.


Thees Uhlmann (Mitte) und Band
(Quelle: eigenes Bildmaterial) 

Zwischen den einzelnen Titeln wurde Thees mal eine Gitarre gereicht oder gab sie wieder ab. Er erzählte aber auch viele Geschichten zu fast jedem Titel und hatte immer wieder einen Spruch auf Lager. "Mehr Depeche Mode war nie im Deutschrock" oder "Kernkraft Thees Uhlmann trifft auf Energie Cottbus". Auch wenn er den zweiten Satz wohl nicht hätte bringen sollen, zumindest erwähnte er das quasi im selben Atemzug. Man erfuhr auch, wie er zu den Toten Hosen steht, was für E-Mails er von Fans bekommt, wie seine Einstellung zur Politik ist und bezieht Position. Das kam positiv an, es wurde einfach nicht langweilig.

Viel Atmosphäre durch viel Licht.
(Quelle: eigenes Bildmaterial)

Während der Songs, wenn er mal nicht gesungen hat, war Thees wie ein Duracell-Hase. Er hüpfte, tanzte wild auf der viel zu engen Bühne und begann natürlich zu schwitzen. Diese Energie und die Lebensfreude übertrug sich zu hundert Prozent auf alle Besucher. Jeder tanzte auf seine eigene Weise und keiner mobbte den anderen deswegen. Und es wurde natürlich wärmer im Konzertsaal. Man spielte Titel aus allen Epochen des Künstlers, auch ein Track von Tomte wurde zum besten gegeben.

Nach knapp 90 Minuten stimmte die Band und Thees die Single Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf an. Nachdem die Truppe die Bühne verlassen hatte, war das Publikum im Rausch und summte den Hintergrundgesang des Liedes ewig weiter, bis Thees in einem neuen T-Shirt auf die Bühne kam. Er selbst sagte, dass das seit 25 Jahren Bühnengeschichte selbst für ihn ein Novum sei. Man gab als Zugabe noch zwei Songs zum besten und verabschiedete sich dann gebührend. Jeder war zufrieden, auch wenn die zwei Stunden Spielzeit wie im Fluge vergingen.

Samstag, 7. September 2019

Miss June - Bad Luck Party (Fleet Union)

Der Sommer ist nun bald vorüber, die Nächte werden wieder länger, dunkler und kälter. Die Band Miss June aus Neuseeland passt hier perfekt hinein, denn zu ihrem Album Bad Luck Party kann man einerseits perfekt darüber sinnieren, was man in den letzten zwei Monaten getrieben hat, aber auch einfach abgedreht in den eigenen vier Wänden tanzen.

Der Spagat ist wahrlich etwas breiter, funktioniert auf dem Langspieler, der mit etwas mehr als 31 Minuten eigentlich gar nicht so lang ist, aber relativ gut. Man zieht hier alle Register des Grunges, Rocks und Shoegaze aus den letzten drei Jahrzehnten und verteilt sie liebevoll auf die elf Titel. Für ihr erstes Album hat das neuseeländische Quartett Tom Healy verpflichten können. Der hatte unter Anderem auch die Alben von Die! Die! Die! und Tiny Ruins produziert. Dementsprechend ist die Qualität der Produktion, man passt den 80er-Jahre-Flair in die Gitarrensounds von heute ein, man verliert aber niemals die Punk-Rock-Attitüde. So ist der Gesang mal eher schräg alleine neben dem Schlagzeug, mal gibt es leichter Rhythmus-Hüpfer. Wer The Pack A.D. feiert oder vielleicht auch etwas mit den Blood Red Shoes anfangen kann, der darf hier gerne zugreifen. Veröffentlicht wurde das Album am 06.09. auf Frenchkiss Records.

Anspieltipps: Polio, Twitch, Best Girl

4,5/6 Punkten (Von Down Under ein wenig die Welt aufmischen.)

Miss June - Bad Luck Party
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Freitag, 10. Mai 2019

We Never Learned To Live - The Sleepwalk Transmission (Fleet Union)

Es gibt ja so Bands, die schießen gefühlt jedes Jahr ein Album auf den Markt. Manch Nachfolgewerk ist sogar brauchbar. In der Regel darf man so um die zwei Jahre brauchen, bis man einen neuen Langspieler auf den Markt bringt. Und dann gibt es Ausnahmen, wie die Deftones, Tool oder auch Korn. Die Band We Never Learned To Live aus Brighton kann hier jetzt auch eingereiht werden, denn zwischen dem ersten Album und The Sleepwalk Transmission liegen vier Jahre.

Schon bereits beim Opener Permafrost wird klar, dass es die nächsten 45 Minuten nicht gerade leicht verdaubare Kost geben wird. Denn hier werden alle Tasten der Klaviatur des Post-Hardcores und des Rocks gespielt. Und um den Zuhörer bei der Stange zu halten, bleibt man undurchschaubar. Mal wird einfach nur straight geradeaus gepeitscht, wie in Luma / Non Luma (hatten wir hier mal), und mal wird ein Spannungsbogen aufgebaut, der dann voller Inbrunst gelöst wird. Man wartet förmlich auf einen infernalen Schrei, auf das drückende Schlagzeug, auf die offen gespielten, zerberstenden Gitarrenriffs und darauf, dass man in diesem aufbrausenden Meer aus Sound eintauchen kann.

Selbst textlich ist man gut bewaffnet: alles ist dystopisch, die Zukunft unsicher und es wird infrage gestellt, ob alles wirklich so rosig sein wird, wie es an vielen Ecken versprochen wird. Das einige Dystopien, die in der Vergangenheit angezettelt wurden, vielleicht schon Wirklichkeit sind, macht einem Angst. Aber diese fünf Jungs aus Brighton schaffen es, selbst im schlimmsten Sturm eine kleine, ruhige Insel der Sicherheit zu schaffen, wie im letzten Drittel von Human Antenna oder From The Sixth Floor.

Zusammengefasst sind die knapp 45 Minuten auf The Sleepwalk Transmission keine leichte Kost. Es ist ein anspruchsvolles Werk, was den Zuhörer immer wieder fordert aber auch belohnt, wenn er sich auf die wilde Reise einlässt. Veröffentlicht wird das Album am 10.05.2019 auf Through Love Records und kann auf Bandcamp gestreamt werden.

Anspieltipps: Owari, Android Anaesthethist, Luma / Non Luma

6/6 Punkten (Derbes Album, derbes Albumcover)

We Never Learned To Live -
The Sleewalk Transmission
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Dienstag, 30. April 2019

An Horse - Morden Air (Fleet Union)

Mit Inspiration ist das immer so eine Sache. Das merke ich hier auch ab und an sowie auch beim Impro-Spielen auf der Bühne. Kate Cooper von An Horse erging es, nachdem sie mit ihrer Band und zwei Alben zwischen 2007 und 2012 stetig unterwegs war, ähnlich. Dazu kamen noch einige Schicksalsschläge. Irgendwann war sie ausgebrannt und die Band wurde für eine geraume Zeit at acta gelegt. Beide Musiker, Damon Cox und Kate, zogen aus Australien weg, man ließ sich in Kanada und den USA nieder und blieben dort eine Weile.

Nach einer Weile, wo beide miteinander kaum kommunizierten, erreichten Damon ein paar Songschnippsel. Er fügte seine Ideen hinzu und schickte diese wieder an Kate. Man machte das eine Weile so, traf sich in Brisbane und Kanada und schon war das dritte Album Modern Air fertig.

Auf diesem Album bekommt man eine Mischung aus aktuellem Indie-Rock, etwas Rock aus den 90ern, modernem Shoegaze und Pop vorgespielt. Dabei ist man nicht nur auf die Gitarre fixiert sondern kramt auch mal die Trompete, das Klavier, eine Geige oder andere digitale Instrumente aus (wie auf "Bob Ross [Be The Water]), was wahrscheinlich am Entstehungsprozess liegen mag. Man traut sich mehr, man verlässt musikalisch, vielleicht aber auch textlich, seine Wohlfühlzone und betritt selbstbewusst neue musikalische Gefilde. Das Album klingt dennoch Rund, man merkt das man wieder Energie für die Musik hat und das man etwas erzählen will. Wer Fan von Tegan and Sara ist oder sich auch für The Pack A.D. erwärmen kann, darf hier getrost auf die moderne Luft zugreifen. Veröffentlicht wird der Langspieler, der knapp 40min lang ist, am 03.05. auf dem Grand Hotel Van Cleef,

Anspieltipps: This Is A Song, Get Out Somehow, Breakfast

5/6 Punkten (Happy little accidents)

An Horse - Modern Air
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Samstag, 30. März 2019

Bloggeburtstag Nummer 7

Heute abend gab es bei mir einen kleinen Flashback. Ich erinnerte mich daran, wo ich vor sieben Jahren war. Ich saß am Sonntag auf dem Fahrrad in München und fuhr an der Isar gen Süden und wunderte mich, warum man diese Zeitumstellung überhaupt macht und was das an einem Sonntag brächte, wenn man beim Zurückstellen am Sonntag einfach mal um 8 statt um 9 aufwacht.

Wie auch immer. Vor sieben Jahren steckte das hier immer noch in den Kinderschuhen, da wusste ich noch nicht, welch teilweise turbulente Jahre auf mich zu kämen. Es gab recht viele Umzüge, worauf die Schufa gar nicht so steht. Ich habe viele Konzerte besucht und einige Clubs kennengelernt, hatte interessante aber auch schräge Interviews und habe einen anderen Blick auf die Musiklandschaft bekommen.

Das letzte Jahr war wieder ein recht aufregendes, auch wenn es dieses mal kein Interview gab. Es bot sich zwar die Chance mit Skin von Skunk Anansie zu reden, leider war ich mir aber nicht sicher, ob ich dieser Künstlerin gerecht werden könnte, zumal ich nur zwei Titel kenne. 2011 habe ich die Band live gesehen und war begeistert von der Energie.

Mit Hold Tight PR gibt es hier wieder eine neue Agentur an meiner Seite, die mich hin und wieder mit kleinen, manchmal sogar recht brachialen Perlen versorgt. Dazu habe gibt es dieses Jahr auch das erste Mal einen Eintrag von Bleeding Nose Records. Wer das Label kennt, wird sich sicher denken können, um welches Album es hier bald gehen wird. Alle anderen, wie Fleet Union, sind immer noch an Bord und schicken regelmäßig Mails. Das Summiert sich in der Woche bis auf siebzig Mails. Als ich noch keinen Internetanschluss in meiner neuen Bleibe hatte, wurde mir schon recht warm, als immer mehr Mails und Anfragen kamen, ich aber kein Album laden konnte und genug zu tun hatte um meine neue Wohnung einzuräumen, von der normalen Arbeit ganz zu schweigen.

Und dann kam wider Erwarten alles anders. Natürlich habe ich mir die Mondfinsternis angesehen, habe immer wieder den Mars bewundert, wie am Horizont emporstieg, habe den letzten Sommer in ein paar Nächte in einem Auto geschlafen und war mit meiner Freundin in Norwegen. Dort habe ich die Aurora Borealis mit eigenen Augen sehen können, zumindest das was man dort so sehen konnte. Mit der Kamera geht das bei einer langen Belichtungszeit besser, aber das könnt ihr im anderen Blog nachlesen.

Musikalisch gab es ein paar Highlights, wie das neue Album von Vök, Alias Caylon, Rolo Tomassi und Svalbard. Dabei war das nicht alles. Da war auch das Konzert von Deez Nutz, welches ein mehr oder minder glorreiches gefunden hat. Die Crashcaptains, von denen ich seit Ewigkeiten nichts gehört hatte, haben nun auch ein neues Album am Start. Einen Teil davon kenne ich quasi seit 2007. Hier merke ich, dass ich schon einige Jahre auf dem Buckel habe. Sogar 87,9 Star FM hat mittlerweile eine Millenium Playlist online. Dabei sind das meistens Titel, die ich feiere, weil ich sie kenne und mich einige schon seit Jahren begleiten. Wer nun merkt, dass er auch alt ist, möge die Hand heben.

Das nächste Blogjahr ist nicht voraussehbar, kann aber interessant werden. Natürlich muss ich ganz normal arbeiten, der Arbeitsweg dauert immer noch etwas länger als führe ich ein Auto, Rennradeln mag ich ja auch noch und nicht vergessen: ich habe eine Freundin, mit der ich jede Menge vorhabe. Lasst euch überraschen, ob nun hier oder auf dem anderen Blog.

Watch me walking around in Norway.

Montag, 4. Februar 2019

Youtubisch Vol. 33

Anfang 2015 habe ich aufgehört Alkohol zu trinken. Mir ging zuviel Lebenszeit verloren und die Erinnerungen und das Erlebte wirkten anders als es nachher wirklich war. Selbst auf Konzerten verzichte ich komplett darauf, ich möchte einfach die Band genießen, die Performance, so wie es wirklich gespielt wird.

Genau das thematisiert die Band We Never Learned To Live, nur mit einer anderen Droge, die du lieber Leser und Zuhörer, vielleicht gerade in den Händen hältst: dein Smartphone. Und ja, man sollte vielleicht nicht an den schönsten Orten der Welt oder beim geilsten Konzert des Jahres am Smartphone hängen oder an "das perfekte Foto" denken. Die Band klingt anklagend, schafft mit den Gitarren große Räume und weite ebenen, die einen nicht stakkatohaft einengt und erdrückt. Die Produktion weiß zu überzeugen und macht Lust auf mehr, auf die Geschichten, die die Band erzählen wird und die Landschaften, die sich durch die Instrumente aufbauen wird. Das zweite Album der Band The Sleepwalk Transmission, wird am 10. Mai 2019 auf Holy Roar Records veröffentllicht veröffentlicht. Ein Review hierzu werdet ihr dank Fleet Union auch zu lesen bekommen.

We Never Learned To Live - Luma/Non Luma (Musikvideo)
(Quelle: Youtube.com)

Sonntag, 21. Oktober 2018

Die 36. Fleet Union: Drip Fed - Drip Fed

Dieses Quintett aus Austin, Texas fällt mit ihrem Opener Tell Me Off akustisch direkt mit der Tür ins Haus. Nach den mittlerweile üblichen 20 Sekunden Intro wird losgebrettert, wer sich vielleicht an Support The Troopz erinnert, die wir ganz am Anfang mal hier hatten, der wird sich freuen, dass es immer noch solch kompromisslos erzeugte Musik gibt. Frei übersetzt bedeutet Drip Fed nichts anderes als "künstlich ernährt".

Auch wenn es, laut Aussage des Sängers Jeffrey Blum, hier etwas weniger nihilistisch zuginge, als auf den vorherigen Werken. Dieser musste sich ein paar Wochen vor den Aufnahmen aus seinem normalen Alltag und Umfeld ausklinken, um überhaupt texten zu können. Bis zur Mitte des Langspielers geht es strikt nach vorne, wer nicht mitkommt, hat Pech, wird bei Pez. Denn hier kann jeder noch einmal kurz durchatmen, weil es hier etwas doomiger, schleppender vorangeht. Auch wenn es anders klingt, stört dies nicht im Gesamtkonzept, da man am Ende mit Intertwine nochmals den Anker wirft und rekapituliert, was auf den vorherigen acht Titeln passiert ist. Stimmlich ist Blum eigentlich immer am Anschlag, auch auf den schlurfigen Titeln. Auf Dauer kann das aber stören, wenn man keine starken nerven hat oder nicht wirklich etwas mit dreckigem Hardcore oder Sludge anfangen kann.

Und ja, ihr habt richtig gelesen, es gibt leider nur acht Titel, dadurch wird das Album auf knackige 25 Minuten gestutzt. Dennoch kann man sich auf ganzer Strecke über eine anständige Produktion freuen, denn alle Musiker sind aufgestellt, wie es sich gehört, sogar der Bass ist an einigen Stellen leicht verzerrt, was im Gesamtkonzept kaum auffällt, dem Klangraum aber dennoch die nötige Würze bringt. Am 26.10. wird das Album veröffentlicht, in Europa geschieht dies auf I.Corrupt.Reccords. Am diesem Tag wird das Album auch komplett auf Bandcamp gestreamt werden können.

Anspieltipps: Tell Me Off, Profit Of God, Live And Die In The City

4,5/6 Punkten (Viel Schall und viel Rauch, im positiven Sinne.)

Drip Fed - Drip Fed
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Donnerstag, 18. Oktober 2018

17. Nachschlag: The Pariah - No Truth

Wie geht es dem Metalcore? Nun, er hat sich für zweierlei Wege entschieden: entweder für Pop (siehe BMTH, obwohl Mantra ja wohl wieder härter werden könnte) oder es ging gen Deathcore. Und dann gibt es Bands wie The Pariah aus Bottrop, obwohl diese sich eher Melodic Hardcore auf die Fahnen schreiben mag.

Man ist an einigen Stellen wahrlich schnell, dennoch gibt es ganz signifikante Stellen auf No Truth, wo man es nicht von der Hand weisen kann, dass man doch in irgendeiner Form wie die (ehemaligen) Größen des Metalcore klingt. Und neben dem ganzen Geschrabbel und den Stimmbändern am Anschlag gibt es auch Momente zum Durchatmen und Luftholen. Man kann ja schließlich nicht die ganze Zeit nur gedroschen werden. Die Gitarren sind, anders als es für das Genre üblich ist, nicht tiefer gestimmt, zumindest nicht sonderlich. Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas komisch, weil alles etwas zu hoch klingt. Das macht man dann durch die Wucht in der Kombination mit Bass und Schlagzeug mehr als wett. Mit No Truth will man Geschichten des Miteinanders erzählen, darum wie man sich zueinander Verhält und welche Lügen man anderen auftischt, egal ob nun im privaten, professionellen oder politischen Bereich. Der Erkenntnisgewinn ist etwas länger als eine Halbe Stunde und mag ernüchternd sein, dafür ist er recht druckvoll. Das Album erschien bereits am 28.09. auf Redfield Records.

Anspieltipps: Surged, Silent Birds, Regression

5,5/6 Punkten (Kann man mit einem Schweinenacken den eigenen ersetzen?)

The Pariah - No Truth
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Samstag, 22. September 2018

15. Nachschlag: Slothrust - The Pact (Fleet Union)

Wer rastet, der rostet. Das sagt der Volksmund. Und wenn man ein Faultier ist, ist's mit der Bewegung eh nicht weit her. Wenn man das noch miteinander kombiniert, also Rost und das Faultier, dann steht man eigentlich still. Bei Slothrust aus Boston ist das nicht der Fall. Man zeigt sich auf The Pact sogar recht beweglich und tanzt genretechnisch gleich auf mehreren Feiern.

Hier tropft nicht einfach nur abgefahrener Garage-Rock aus der Platte, auch wenn man sich wünscht, dass es hier etwas mehr davon gäbe und vielleicht auch einen hauch dreckiger. Man kann aber auch 80er Jahre Musik, richtig schön mit Saxophon und fast künstlich klingendem Schlagzeug finden. Auch Folk kann man sich auf seine Fahnen schreiben, denn mit Titel wie The Haunting und Travel Bug kann man sich ordentlich verträumt mit einer Tasse Tee auf die herbstliche Veranda setzen und den letzten Sommer Revue passieren lassen. Im Grunde ist das alles auf dem Mist der Sängerin/Songwriterin/Gitarristin Lea Wellbaum gewachsen. Trotz dem man hier so viele Stilrichtungen über die Membrane hüpfen lässt, kann man nicht behaupten, dass man kein Können hat. Das kann faszinieren, kann aber auch, weil man so viel auf einmal bekommt, nerven. Ein Hörer mag mehr Dreck in den Titeln, ein anderer will mehr Synthies, wie in den 80ern. Ein anderer mag dann den Folk vielleicht doch mehr und raunt furibund, wenn es dann doch zu elektrisch wird. Man kann hier bekannte Genrevertreter anbringen, wie The Pack A.D., Shakey Graves oder Hole.

Das Trio tobt sich auf ihrem 44 minütigen Werk ordentlich aus und hinterlässt Verlangen, zu verschiedenen Stellen zurückzukehren, weil einem das eine Stück oder der eine Stil gefällt. So bedient man natürlich viele. Produktionstechnisch ist hier alles in Ordnung, auch wenn der Gesang ab und an mal kurz hinter den Instrumenten verschwindet. Das Album gibt es seit dem 14.09. und wurde auf Dangerbird Records veröffentlicht. wer interessiert ist, kann das ganze Ding auch auf Bandcamp vollständig streamen und dort seine Lieblinge finden.

Anspieltipps: Planetarium, Travel Bug, Birthday Cake

5/6 Punkten (Herr Ober, da ist kein Haar in der Suppe.)

Slothrust - The Pact
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Mittwoch, 5. September 2018

Die 35 Fleet Union: Young Mountain - Lost Tree

Trotz ihres noch recht jungen Alters, hat die Band Young Mountain schon recht viele Besetzungswechsel hinter sich gebracht. Selbst nach dem Release von Lost Tree hat der Bassist die Band wieder verlassen. Unter welchen Umständen verrät der Pressetext von Fleet Union leider nicht.

Die Band selbst kommt aus Göteborg, dennoch spielt man eben nicht diese Schule. Man ist viel diverser als das Video zu Vacant Eyes zuerst vermuten lässt. Auf den acht Titel dieses Albums findet man eigentlich alles: vom bluttropfenden Black Metal, über den hippen Indie-Rock bis zur Ballade fast alles, was das Herz begehrt. Das ist insofern interessant, da sich die Band mit diesem Album ein Konzept übergestülpt hat, denn er geht hier um Identitätsstörung.Wenn man sich dieses Konzept beim Hören des Langspielers vor Augen hält, ergibt die, teilweise echt krude wirkende Mischung, Sinn.

Denn es gibt krasse Sprünge zwischen dem tieftraurigen und fröhlich anmutenden Songs. The Sun Is Away bietet nach Asunder, To Each Other den krassesten Wechsel, hierzu tanzen oder am Ende in Erinnerungen schwelgen. Denn danach gibt es mit /////////////// direkt einen auf den Kopf, um zwischenzeitlich zu kuscheln. Der Titelname kann verwirren, vielleicht steht das für eine Sprachlosigkeit, für das Gefühl einer Machtlosigkeit, das was passiert, wenn man etwas getan hat, wogegen man, dank dieses blöden Fakts, dass Zeitreisen unmöglich sind, nichts mehr ausrichten oder es gar zurücknehmen kann. Genauso könnte es sein, dass man diese Sprachlosigkeit erfährt, wenn man mit etwas konfrontiert wird, was einen völlig aus der Bahn wirft. Hatte ich erwähnt, dass die Band es hier ganz schön bunt treibt? Es fasziniert immer wieder, wenn man sich der Musik völlig hingibt, man landet mal sanft gebettet in einem dicken Kissen, ein anderes Mal trifft man hart auf dem Boden auf und wird von allen Seiten angeschrien, getreten und geschlagen.  Dieses Potpuri an dunkelbunten Songs misst 42 Minuten und ist acht Titel lang. Die Produktionsqualität ist ausgezeichnet, auch wenn der ein oder andere Anstoß an der Positionierung des Sängers im akustischen Raum finden könnte. Ab dem 07.09. wird das Album auf Through Love Records. Wer nicht warten kann, kann das Album bereits auf Bandcamp streamen und für einen frei wählbaren Preis erwerben.

Anspieltipps: The Sun Is Away, Vacant Eyes, Lost Tree

5,5/6 Punkten (Die letzten Tage brechen an, an denen man den Sommer am See noch riechen kann.)

Young Mountain - Lost Tree
(Quelle: Presskit von Fleet Union)