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Samstag, 30. Dezember 2023

Teen Mortgage - Life/Death (Bandcamptage)

Long time, no read. Tja, es ist viel passiert in diesem Jahr. Ein neuer Job, ein Umzug und jede Menge neue Möbel, die die alte Bleibe leider vernichtet hat oder, wie der Kühlschrank, einfach ihre Grundfunktion eingestellt haben. 

Genug aus dem Privaten: Durch das Vermissen des Schnees und den Rückblick auf eine Zeit vor mehr als zehn Jahren, entfachte sich in mir das Verlangen nach Musik zum Shredden. Ich suchte einfach auf Bandcamp, der Musikplattform meines Vertrauens, nach Garage Punk und fand ein paar gute Sachen, die leider Geld kosten. Und dann fand ich Life/Death von Teen Mortgage aus Washington. Die Musik bewegt sich hier stilistisch eben zwischen dem Garage Punk und ein paar Surf-Einlagen. Man kommt nicht Umhin an Bass Drum Of Death zu denken, zumindest an die ersten beiden Alben der Band.  Der Bass grummelt richtig schön zwischen den Gitarren, das Drumset hat ordentlich Wumms und der Gesang ist etwas drüber. 

Diese EP, es sind ja nur fünf Titel, könnt ihr einen freiwählbaren Preis laden. Zwischen den Jahren eigentlich Ideal, wo doch schon viel Geld für die Geschenke draufgegangen ist. Aber passt auf eure Nacken auf, die könnten beim Hören in Mitleidenschaft gezogen werden. 

Anspieltipps: DOCTOR, S.W.A.S., THE CHANGE


Teen Mortgage - Life/Death
(Quelle: Bandcamp.com)

Fragt mich jetzt nicht, wie man den Bandnamen ausspricht.

Montag, 17. Oktober 2022

Heilung - Drif (Season Of Mist)

Der Nebel steht dicht über den Boden, es ist kühl und nass. Ihr seht euch um, friert und wisst nicht wo ihr seid. Nur aus der Ferne vernehmt ihr einen rhythmischen Schlag, es ertönen Hörner und ihr beschließt, langsam in die Richtung der Töne zu gehen. Immer auf der Hut, nicht vielleicht doch jemandem unterwegs zu begegnen, der euch ans Leder will. Eure Füße rascheln im Laub, ihr werdet bemerkt. Ihr habt nun zwei Alternativen: fliehen und sich verdächtig machen oder sein Ansinnen erklären. Es gibt noch kein Verständnis für Zeit, es wird hell und dunkel und hier oben, wo ihr gelandet seid, gibt es des Nachtens, "tanzende Frauen" am Himmel, von denen es viele Legenden gibt. Man ist der Natur eng verbunden, nutzt alles was man findet und verschwendet nichts. 

Die Zeitreise, auf die euch die Band Heilung schickt ist genau das. Das Trio kann sich zwar nur an Artefakten und überbrachten Texten orientieren, dennoch wirkt alles authentisch. Angefangen bei den Instrumenten, die teilweise aus menschlichen Überresten bestehen, über ihre Kostüme auf der Bühne und den Musikvideos bis hin zu den Bräuchen, die die Künstler selbst vollziehen. Die Trommel, die auf der Bühne gespielt wird, wurde mit dem Blut des Trios rot eingefärbt. Glaubt ihr nicht? Klickt hier

Und es klingt genau so, wie man es sich vorstellt. Man landet zu Beginn in einem Tanzkreis, es wird auf einer längst verlorenen Sprache gesungen. Dann setzt auf Asja die himmlische Stimme von Maria Franz ein. Es bilden sich Klangteppiche, ein Streichinstrument trägt euch, schleppend klingend, zur nächsten Strophe. Sphärisch ist alles, als würde man einer Zeremonie beiwohnen. Das ist das Steckenpferd der Band, auch wenn Drif einen Hauch moderner klingt als seine Vorgänger. Man schafft es dennoch regelmäßig über 7 Minuten zu kommen. Rein sprachlich haben ein paar neue Phonetiken Einzug gehalten, da die Band sich nun nicht mehr rein am Nordischen festhält, sondern alle Hochkulturen aus der Zeit von vor über 5000 Jahren die Ehre erweisen möchte.  Die Synthetik zeigt sich hier und da etwas stärker, fällt aber nicht unangenehm auf. Auch die Lesungen wurden auf eine, Keltentrauer, eingedampft, da gab es auf Ofnir und Futha mehr. Das kommt den heutigen Hörgewohnheiten schon etwas mehr entgegen. Einlassen muss man sich dennoch, denn diese Musik läuft leider nicht im normalen Radio. Gute Kopfhörer oder Lautsprecher braucht man hier allemal. Nicht nur nimmt man die kleinen Details besser war, die Tiefen werden besser Transportiert und man landet noch tiefer im akustischen Keltenbau.

Release: 19.08.2022
Label: Season Of Mist

Anspieltipps: Asja, Urbani, Nesso

6/6 Punkten (Stein Schleift Schädel!)

Heilung - Drif
(Quelle: Presskit von Season Of Mist)

Samstag, 8. Oktober 2022

Vök - Vök (Nettwerk Msuic Group)

Nach mehr als 9 Jahren Bandgeschichte scheint die Band Vök nun den eigenen Sound gefunden zu haben. Zumindest ist das in der Musik meist so, dass wenn man einen Langspieler nach sich selbst benennt, dass hier der eigene Sound definiert wird. 

Dabei sind nicht alle Tracks hier nigelnagelneu, sondern fanden auch schon auf der EP Feeding On A Tragedy ihren Platz. Die EP hatten wir hier mal, ironischer Weise zur selben Zeit vor einem Jahr. 

Die Band macht da weiter, wo sie vor einem Jahr aufgehört hat, auch wenn der Prozess des Musikschreibens ein längerer ist. In der Zeit zwischen den beiden Releases wurden dann ein paar Titel ins Internet geschmissen, das Resultat: fast ganze Album ist bekannt. Die Unbekannten mischen sich heimlich dazwischen und machen das Ding rund. Wenn man überlegt, wie die ersten EPs geklungen haben und wo man soundtechnisch nun liegt, sind da einige Welten dazwischen. Das fällt dann aber auch nur auf, wenn man sich Tension und Vök direkt hintereinander gibt. Alles ist noch tanzbarer, die Musik wirkt nicht mehr ganz so kühl, man möchte fast meinen, dass die Klimaerwärmung die Musik beeinflusst hat. 

Es gibt treibende Rhythmen wie in Miss Confidence, einen reitenden Bass, wie in Lose Control aber auch Momente, wo der Zuhörer denken könnte, dass der Track perfekt unter eine Werbung von einem Auto passen könnte, wie in Something Bad. Dabei geht es im letzten Titel wohl eher um die eigene Erfahrung, dass man geahnt hat, das etwas Schlimmes passieren wird. Denn danach gibt es keinen Kaffee zur Beerdigung. Ist der Track Illuminating eigentlich schon Schlager?

Release: 23.09.2022
Label: Nettwerk Music Group

Anspieltipps: Lose Control, Headlights, Miss Confidence

5/6 Punkten (Nicht ganz frisch aber dennoch neu.)

Vök - Vök (Quelle: Bandcamp.com)

Samstag, 5. März 2022

Bloodywood - Rakshak (Kinda Agency/Bloodywood Media Private Limited)

Wer an Folk Metal denkt, würde vielleicht zuerst an Roots von Sepultara denken oder vielleicht noch an System Of A Down. Mit ähnlicher Wucht sind die Mitglieder von Bloodywood aus Indien zugange. Auf dem Album Rakshak wird der heimische Sound, den ihr vielleicht aus Bollywoodfilmen kennt, mit derbem Metal/Nu-Metal gemischt. 

Und die Fusion passt erstaunlich gut. Es wirkt nichts aufgesetzt oder unpassend zusammengestellt, dass man denkt, dass das jetzt vielleicht etwas zu sehr aufgesetzt wirkt. Die verwendeten Trommeln in Machi Basaad oder Dana-Dan sind perkussiv und erzeugen eine angenehme Spannung, bei Slipknot läuft das ja auch nicht anders, nur ohne den Panjabi-Touch. Die Sitar hört sich so an, als würde man sie durch einen Sampler jagen und bei Rapps darunter legen. Selbst kleine Glöckchen werden geläutet. Vieles kann man erst nach dem zigsten Durchlauf erhören. Das hält aber bei der Stange. 


Der Gegenpart, dass derb harte, das lädt immer wieder zum Headbangen ein. Die Gitarre, die recht tief gestimmt ist und viel Bums mitbringt, ist in Relation zu den ersten Singles, sehr gut abgemischt und ist gleichauf mit der Stimme des Sängers. Der ist gefühlt ständig am Anschlag. Wenn man die Thematiken kennt, versteht man auch warum. Es geht um die Politik vor Ort, die die Menschen gegeneinander aufstachelt, aber auch um Depressionen. 

Veröffentlicht wurde das Album bereits am 18.02.2022 auf der eigens gegründeten Limited. Die CDs sind bereits vergriffen, die Vinyl wird erst am 08.04.2022 erscheinen, aber das liegt nicht in den Händen der Band. 

Anspieltipps: Gaddaar, Dana-Dan, BSDK.exe

6/6 Punkten (Metal entwickelt sich weiter)    


Bloodywood - Rakshak
(Quelle: Presskit von Kinda Agency)

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Rauchen - Nein (Zeitstrafe/Fleet Union)

Rauchen fetzt. Natürlich ist der Name der Band provokant, man hat aber sofort einen Aufhänger. Mit Nein hat man ein Album aus drei EPs geschrieben und aufgenommen. Diese drei EPs grenzen sich auch akustisch ab. 

Zu Beginn schwoft man mit Shoegaze ganz entspannt durch die Gegend, auch wenn man mit dem Text von Monopol(y) eindeutig auf die Zustände in der Polizei hinweist. Darauf folgt ein ewiges Hamsterrad, und zwar von der Schule bis zur Rente. Man merkt der Band an, dass hier einiges unter den Fingernägeln brennt. Mit Aufnahme wird die zweite EP eingeläutet, auf dem Album befinden wir uns passend im zweiten Drittel. Ab hier wird einem 4 Titel lang in den Rücken getreten. Die Band dreht alle möglichen Regler auf und die Sängerin ist am Anschlag. Hier besinnt man sich auf die alten Tugenden, hier trifft Hardcore-Punk auf pures Chaos und Zerstörung. Fast wie bei The Dillinger Escape Plan. Man bleibt den Thematiken treu: es geht um die aufgezwungenen Rollen der Frau, um Arbeit und Freundschaft. 

Nachdem man dann alles durchgewühlt hat und jeder schwitzend am Boden liegt, tritt die Band auf die Bremse und singt einem vor, wie sich das alles nach einem Konzert anfühlt. Man ist glückselig und man kühlt langsam wieder herunter. Danach gibt man dem "Schlüsselkind" den Raum, sich so zu verhalten, wie ein Mann. Bei ihm stellt man einiges an merkwürdigem Verhalten nicht in Frage, bei Frauen eigenartigerweise schon. Hier lädt man sich sogar ein paar Trompeten ein, die am Ende des Stücks ordentlich eskalieren. 

Man kann sich dieses Album wie einen Aufstieg auf einen Berg vorstellen, im Mittelteil ist man oben angekommen und dann geht es wieder abwärts. Wir werden auch bald in einem Interview erfahren, warum man diese Konstellation gewählt hat. 

Der Sound auf dem Album, was nicht mal eine ganze halbe Stunde lang ist, ist großartig. Das Schlagzeug hat ordentlich Druck bekommen und der Bass darf sich recht viel Raum nehmen. Der Gesang wirkt in den ruhigen Tracks recht gelangweilt, das kann aber Absicht sein. Die Effektgeräte kann man in einzelnen Tracks rauschen hören, wenn mal kein Instrument gespielt wird. 

Release: 03.12.2021
Label: Zeitstrafe

Anspieltipps: Wasserglas, Monopol(y), Schlüsselkind

6/6 Punkten (Achterbahn mal anders.)

Rauchen - Nein
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Freitag, 29. Oktober 2021

SEEYOUSPACECOWBOY - The Romance Of Affliction (Pure Noise Records/Kinda Agency)

Für mich ist Snowboarden kathartisch. Ich stehe auf dem Brett, habe den Hang vor mir im Blick und reagiere nur, denn zum Nachdenken fehlt die Zeit und wenn man dann doch realisiert, was passieren könnte, dann passiert es meist auch. Dies könnte zwar ein Aberglaube sein, dennoch fahre ich seit Jahren ohne Sturz. 

Für Connie Sgarbossa ist es das Schreiben. Zwei Wochen nach den Aufnahmen zu The Romance Of Affliction starb sie fast an einer Überdosis. Sie sagt, dass die Texte auf dem Album wie eine Prophezeiung gewesen sind und zu diesem Umstand geführt hätten. Sie hat die letzten paar Jahre reflektiert, die Kämpfe im Alltag und der Versuch, in allem dennoch etwas schönes zu sehen. 

Untermalt werden die geschrienen und gesungenen Texte von sehr viel Gewalt und Chaos. Die Band nennt es Sasscore. Fast alles klingt wild, es gibt hier und da ein paar harte Cuts, und wenn man einen Breakdown erwartet, dann kommt er auch. Und wie der dann kommt, als wenn der Produzent und die Band genau wüssten, wie der Zuhörer gerade tickt. An den Reglern saß niemand geringeres als der Gitarrist der Band Knocked Loose (Review hier). Wer SYSC kennt, weiß was er zu erwarten hat. Um etwas Luft zu holen, hat man hier und da ein paar ruhige Momente eingestreut, die sind aber eher selten. Alles andere lädt dazu ein, seinen Nacken zu strapazieren. Denn es drückt ordentlich auf den Trommelfellen. Es werden aber auch Erinnerungen an Norma Jean's Memphis Will Be Laid To Waste (hatten wir hier mal) wach. Und wer nach 40 Minuten noch nicht genug hat, kann sich den Kopf gern nochmal durchpusten lassen, auf eigene Gefahr versteht sich. 

Release: 05.11.2021
Anspieltipps: With Arms That Bind and Lips That Lock, Intersecting Storylines To The Same Tragedy, Ouroboros Is An Overused Metaphor

6/6 Punkten (Ab wann darf man eigentlich die Emo-Tolle wieder tragen?)

SEEYOUSPACECOWBOY - The Romance
Of Affliction 
(Quelle: Presskit von Kinda Agency)

Donnerstag, 20. Mai 2021

SEEYOUSPACECOWBOY & If I Die First - A Sure Disaster (Pure Noise Records / Kinda Agency)

Auf einer Split EP finden sich für gewöhnlich Titel zweier Bands, die vom Klang her schon zusammenpassen. Selten gibt auch Splits mit drei oder vier Bands. Das macht man um Produktionskosten zu sparen. Die Bands SEEYOUSPACECOWBOY (die hatten wir hier mal) und If I Die First gehen auf A Sure Disaster noch einen Schritt weiter. Sie haben auf dem Track bloodstainedeyes kollaboriert. Das Video ist zugegebenermaßen brutal, sowie auch der Sound. Aber das sind wir von SYSC eigentlich ja gewohnt. 

Beide Bands kennen sich schon eine Weile und dachten sich, dass man gemeinsame Sache machen könnte. Von der ersten Sekunde an geht man Steil, das Klatschen erinnert direkt an Tracks aus den 2000ern. Generell orientiert man sich an den Sounds aus dieser Zeit, die man mit E-Gitarren und recht emotionalen Texten hinbekommen hat. Man hat nur die Brutalitätsschraube etwas fester gezogen und ist, bis auf das Intro des letzten Tracks, eigentlich immer am Anschlag und es bleibt kaum Zeit zum Entspannen. Es gibt zwar Gesang, der passt aber zum Gesamtbild. Textlich gibt es viel Blut, Rasierklingen und falsch erzählte Geschichten. Eigentlich alles, was es zu Hochzeiten von Myspace und co gab (inklusive der Langen Titelnamen), nur härter und sehr gut produziert. 

Release: 14.05.2021
Label: Pure Noise Records

Anspieltipps: Painting A Clear Picture From A Unreliable Mirror, bloodstainedeyes

5,5/6 Punkten (Was Tom von Myspace wohl gerade treibt?)

SEEYOUSPACECOWBOY & If I Die First - 
A Sure Disaster
(Quelle: Presskit von Kinda Agency)

Dienstag, 11. Mai 2021

Cold Moon - What's The Rush? (Pure Noise Records/Kinda Agency)

Es gibt Musik, die klingt wie dieses "Ankommen". Man bekommt ein wohliges Gefühl und muss unweigerlich sinnieren und lächeln. Genau dieses Phänomen ereilt einen beim Durchhören von What's The Rush? von Cold Moon aus Kalifornien. 

Am Anfang könnte man noch meinen, man hätte eine Platte von Kings Of Convenience in den Ohren, auch wenn die Stimmen etwas härter sind und nicht gehaucht werden, wie bei den Norwegern. Das könnte daran liegen, dass dieses Quartet aus zwei Bands besteht, deren Sound eigentlich meilenweit entfernt von den entspannten Klängen ist, die sich hier ruhig auf die Trommelfelle legen. Anscheinend ist das aber normal in Musikerkreisen, dass man neben einer lauten Band immer noch ein ruhigeres Projekt am Laufen hat. Warum auch nicht? Das hat bei Dallas Green bestens funktioniert. Oder ist das schon ein gelebtes Meme? 

Wie dem auch sei, man bekommt entspannte Gitarrenklänge zu hören, das Motto der Platte zieht sich überall durch. Wozu die Aufregung? Man hat für das Album ca. 14 Monate gebraucht. Dazu noch die Leichtigkeit aus Kalifornien, zumindest aus dem Norden, und schon hat man ein Album, welches gezielt einen Anker wirft und Einnorden einlädt. Man hat doch eigentlich alles, was man braucht: Familie, ein Dach über dem Kopf, Essen. Mit Länge hat man es aber leider nicht so, es gibt nur neun Songs, die sich auf 36 Minuten erstrecken. Wenn man es nur nebenbei hat laufen lassen, ist das vielleicht noch zu verschmerzen. Man merkt jedoch, dass es genau die Musik ist, die die Band aufnehmen wollte. Hier hat kein Manager reingegrätscht und bestimmt, in welche Richtung das gehen soll. 

Release: 07.05.2021
Label: Pure Noise Records

Anspieltipps: Access Control, Frontage, Lost

5/6 Punkten (Das perfekte Album, um sich alte Fotos anzusehen.)

Cold Moon - What's The Rush?
(Quelle: Presskit von Kinda Agency)

Dienstag, 30. März 2021

New Pagans - The Seed, The Vessel, The Roots And All (Big Scary Monsters/Fleet Union)

Frauen und Männer werden in der Gesellschaft seltener gleich behandelt, als es manch einer wahr haben mag. Die Sängerin Lindsey McDougall singt ihrer Band New Pagans genau dagegen an. Nicht nur das sie Schwanger auf der Bühne stand, nein, sie schaffte es mit ihrer Band 2020 ein EP zu veröffentlichen und ein Album aufzunehmen. 

Auf The Seed, The Vessel, The Roots And All geht es um nichts geringeres als Frauenrechte, Inklusion und Gespräche, denen man in den belfaster Öffis heimlich lauschen kann. Nun würde man in der Schule sicher gefragt werden, welches der drei Themen nicht dazu gehört, der Band ist das egal. Musikalisch bewegen wir hier und irgendwo zwischen Grunge, Alternative Rock und stechen hier und da in den Shoegaze ab. Man nimmt sich sogar einige Riffs von den ganz Großen und wandelt diese ab. Die ersten Takte von I Could Die klingen fast wie die ersten paar Sekunden von Black Sabbath's Paranoid. Wer jetzt "Paranoid" nicht kennt, der sollte sich das jetzt aber schleunigst anhören, sonst gibt es hier ganz große Bildungslücken. An sich scheint es, als hätte man viel Zeit gehabt um das Album aufzunehmen. Es gibt verdammt viele Details und Lagen, die Produktion ist außerordentlich gut gelungen. Die Gitarren, es sind zumindest immer zwei zu hören, sind nicht ganz auf Anschlag verzerrt, man kann dennoch gepflegt rocken. Aber auch verträumt im tanzen im Bühnenlicht geht auch, mit geschlossenen Augen versteht sich.

Um das ganze hier zum Ende zu bringen: die Platte ist gut, mit fast 90 Minuten ausgesprochen lang, viele Titel stehen für sich allein, so merkt man, wo man auf der Platte gerade ist. Wie bereits erwähnt, ist die Produktion richtig gut und das Arrangement weiß zu gefallen. 

Release: 19.03.2021
Label: Big Scary Monsters

Anspieltipps: It's Darker, Ode To None, Yellow Room

5,5/6 Punkten (Heidnische Musik mal anders.)

New Pagans - 
The Seed, The Vessel, The Roots And All
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Dienstag, 16. März 2021

Azgard - At The Break Of The Day (Bandcamptage)

Stellt euch vor, ihr habt eine Band, seid lokal erfolgreich und schafft es sogar ein respektable Musik aufzunehmen. Ein paar Tracks und ein Album schafft man auch. Und dann wird es ruhig, ein Mitglied verkauft sogar sein Equipment, weil das Geld knapp wurde. So geschah es bei der der Band Azgard aus Ternopil.

Die Ukrainer spielen auf ihrem Album At The Break Of The Day eine respektable Mischung aus Metalcore, Deathcore und etwas Black Metal. Eigentlich suchte ich nach Musik für ein Video, welches ich schneiden sollte. Metal passte nicht wirklich unter das Bildmaterial, aber dennoch war ich glücklich über den Fund. Ihr erhaltet 18 Titel für einen Preis, der euch gerade passt. Die letzten Titel sind eigentlich die ersten Songs nur ohne Gesangsspur. Wer also mit den Shouts nichts anfangen kann, kann zu Track 10 skippen und sich den reinen Instrumentalität hingeben. Einzig das Drumset klingt nach einem Computer, das ist bei dem Preis aber sicher zu Verschmerzen. 

 Anspieltipps: Farewell, Blind, Evil Is Coming

Azgard - At The Break Of The Day
(Quelle: Bandcamp.com)

Es ist eh alles recht brutal und laut hier.

Samstag, 13. März 2021

Bound In Fear - Eternal EP (Unique Leader Records/Hold Tight PR)

"How Low Can You Go?" fragte sich einst Ludacris. Bei der EP Eternal der Band Bound In Fear geht es aber weniger um eine Körperhaltung denn um extrem tief gestimmte Gitarren. Die Vielsaiter sind gar so tief gestimmt, dass der Bass sich förmlich den Platz im Gesamtkonstrukt erkämpfen muss. Wenn man es sich dann auch noch vorstellt, wieviele Saiten das sind, dann zieht der Bass ganz klar den Kürzeren. Dazu gesellen sich noch synthetische Klänge und schon ergeben sich riesige, unbezwingbare Soundwände.

Wie der Name der Band verrät, geht es um Ängste und was sie mit einem machen. Die Band will einem aber auch mitteilen, dass man damit nicht alleine ist. Jeder trägt sein Päckchen mit sich und es ist vollkommen in Ordnung, wütend, sauer oder traurig zu sein. Und jeder hat auch seine Eigenart, damit umzugehen. Tracks wie My Mind, My Prison stehen genau dafür. Man nimmt textlich aber auch kein Blatt vor den Mund. Es geht teilweise echt blutig zu, man wird an den Boden getackert, es gibt Blut, enge Räume ohne Türen und Fenster und Menschen, die einen nicht nur physisch quälen. 

Nach fünf Titeln ist der Spuk vorüber und man lässt sich dazu hinreißen, sich noch eine Runde zu geben, auch wenn der Gesang stellenweise unverständlich ist oder einfach nur ins schweinische Grunzen verfällt. Aber man wollte alles austesten, was im Deathcore und Metal geht und das hat man erreicht. Wie eingangs beschrieben, gibt es hier große Soundwände und eine erdrückende Stimmung, da muss man dem Produzenten und Mixer mal auf die Schulter klopfen... oder gleich abschlagen? 

Release: 12.03.2021
Label: Unique Leader Records

Anspieltipps: My Mind, My Prison; Left To Drown

5/6 Punkten (Wie dick können Gitarrensaiten eigentlich werden?)

Bound In Fear - Eternal EP
(Quelle: Presskit von Hold Tight PR)

Sonntag, 17. Januar 2021

Sperling - Zweifel (Uncle M)

Das natürliche Habitat des Sperlings befindet sich zwischen den den lauten Gitarren des Fjørts und dem Gekeife des Caspers. Dabei kann er aber auch so unangenehm wie ein Kummer werden. Er schmeißt auch gern mit Weisheiten um sich und nimmt nicht mal vor ein Blatt vor den Schnabel, wenn es um das Zwitscherbusiness geht, wie es sich verändert hat und das manch ein Ort wie aus einem Land vor unserer Zeit stammt. Er zwitschert hier einigen anderen Artgenossen sogar aus der Seele. Musik ist zu einem Gut geworden, welches in den seltensten Fällen noch bewusst wahrgenommen wird, sondern eher im Hintergrund läuft. Jeder Vogel klingt mittlerweile gleich, will aber der individuellste sein. Er merkt nur nicht, dass er solange für die Kolonieführer interessant bleibt, wie sein Gesang für die Masse relevant scheint. Vielleicht hilft es dem Sperling auch, dass er nicht nur zwitschert, sondern auch anderen Tätigkeiten folgt. Somit kann er das Gebiet und die, die darin leben, genauer sondieren und sich eine Meinung bilden, die neutraler ist als die derer, die in der Maschinerie gefangen sind.

Der Sperling durchlebt hin und wieder ein paar depressive Phasen, kennt viele Ängste und muss hin und wieder in der Einsamkeit des Seins ausharren. Im Angriffsmodus greift das gefiederte Tier gerne zu derben Gitarren, plustert sich auf und spuckt immer wieder fiese Lines in die Luft. Wenn er zur Ruhe kommt, nimmt er auch mal ein Cello zur Hilfe. Auch wenn dieses Streichinstrument gar nicht in den Lebensraum zu passen scheint, so hat es das Apocalyptica geschafft, das Instrument so klingen zu lassen, als wäre es schon immer Metal gewesen. 

Einzig der Gesang des Neukiefervogels ist nicht immer ganz gerade. Er kann schreien, zwitschert manchmal recht schnell, aber dies geschieht eher weniger in der Harmonie seiner Umgebung. Die Klänge wurden an vielen verschiedenen Habitaten gesammelt, daher klingt es mal mächtig und pompös, mal einsam und intim. Der Hinweis, dass nicht alles wohl ausproduziert wurde, nimmt man nicht war. So homogen wirken diese Aufnahmen.  Die 45 Minuten des Gezeters und Zwitscherns gehen zwar nicht immer schnell vorüber, das liegt aber daran, dass die gelieferten Texte tiefer gehen, man versucht ist, alles zu interpretieren. 

Release: 22.01.2021
Label: Uncle M

Anspieltipps: Eintagsfliege, Schlaflied, Baumhaus

5,5/6 Punkten (Jeder Deutschlehrer und Ornithologe wäre begeistert)

Sperling - Zweifel
(Quelle: Presskit von Uncle M)

Montag, 30. November 2020

Leto - Wider (Rookie Records)

Wäre die Band Leto ein Studienfach, hätte man im Hauptfach Turbostaat, dazu als Wahlpflicht Billy Talent, Feine Sahne Fischfilet, Fjørt und Leitkegel. Wer hier denkt, dass das dann alles Punk ist, liegt nicht ganz falsch. Die Gitarren werden hier weitaus virtuoser gespielt, der Bass hat mehr Platz im Raum und das was, dann noch übrig ist, wird von einem ordentlich hämmernden Schlagzeug aufgefüllt. Das sorgt bereits auf den ersten Metern für zuckende Tanzbeine und nickende Köpfe. 

Dabei ist geht es hier um viel mehr. Auf diesem Langspieler werden die inneren Dämonen ausgegraben, man kämpft mit den Selbstzweifeln und der Selbstoptimierung. Dennoch könnte man einige Texte anders interpretieren. Zum Beispiel der Titel Blau: diese Farbe hat auch die AFD, und die Textzeilen passen ebenso auf die Mitglieder und Wähler der AFD. Da geht es um Sitzenbleiber, um Leute die sich das Alte zurückwünschen. Aber der Band geht es um die Geschlechterrollen, die direkt zu Begin festgelegt sind, inklusive der Berufe, die man lernt und den Eigenschaften, die man dem Geschlecht anrechnet. Der Text zu Treibsand könnte auch von der modernen Konsumgesellschaft handeln. Alles ist so gebaut, dass es relativ schnell kaputt gehen kann und dass das neue dann eh besser sei, als das Objekt, welches mal eben ein paar Monate genutzt wurde. Dabei geht es hier um die Entwicklungen der Heimatstadt des Quartetts. 

Mit Kammerflimmern gibt es sogar einen Ohrwurm, der sich tief in die Hirnwindungen einklinkt und da für ein paar Tage (jetzt wirklich) verweilt. Der Anfang wirkt zwar noch, wie Hurz von Hape Kerkeling, die Aufklärung folgt dann aber im Refrain. Es fehlen Worte um das vollständige Bild zu zeigen. Es muss aber alles immer schneller gehen, damit man up to date ist um dann alles mit der nächsten Nachricht vergessen zu haben. 

Der geneigte Zuhörer wird mitbekommen haben, dass Wider wie aus einem Guss wirkt. Die Lieder wurden am Stück geschrieben. So bleibt der Drive über die gesamte Spiellänge von 31 Minuten erhalten. Eh man es sich versieht ist man entweder alle Titel durch oder der Player fängt schon wi(e)der von vorne an. Und dann schmettert man mit. 

Release: 09.10.2020
Label: Rookie Records

Anspieltipps: Kammerflimmern, Auen und Orchideen, Treibsand, Katzenwäsche

5.5/6 Punkten (Das wächst schwer aus den Hirnwindungen heraus.)

Leto - Wider
(Quelle: Presskit von Rookie Records)

Dienstag, 17. November 2020

Sólstafir - Endless Twilight of Codependent Love (Season Of Mist)

Die Männer von Sólstafir schaffen es immer wieder, dass ihre Musik so klingt, wie man sich Island vorstellt. Rau, kalt, verlassen und menschenleer, windig und unbarmherzig. Auf Endless Twilight Of Codependent Love setzt sich dieser Sound fort, den man seit Äonen beherrscht. Dabei bewandert man aber nicht nur alte, bereits ausgetretene Pfade, die man mitunter hier im Blog bereits gehört hat, sondern versucht sich im Black Metal oder eher Blackgaze. Selbst ein Teil der Deftones hat es auf Úlfur geschafft, es kann mir hier keiner erzählen, dass er da nicht die Gitarren von Change (In The House Of Flies) hört. Aber es sei ihnen gegönnt, denn auch dieser Sound steht ihnen irgendwie. 

Was etwas irritiert, ist das Intro von Drýsill. Man betreibt Tapping, aber irgendwie scheint die Gitarre nicht ganz sauber gestimmt zu sein oder es klingt einfach nur wegen der Spielweise so. Zum Glück dauert es nicht lang, bis man eine Orgel in den Raum stellt. Das Album klingt generell etwas rauer, man bettet nicht mehr alles riesige Soundwände ein, wie auf dem Vorgänger Berdreyminn. Die Produktion tut ihr übriges, so dass man wirklich denkt, dass einem der starke Wind Islands ständig und unentwegt ins Gesicht bläst. Überlange Titel konnte man schon immer, so gibt es auch hier Songs die gut und gerne mal um die 7 oder gar 8 Minuten lang sind. Es wirkt aber nichts unnötig in die Länge gezogen, jede Minute bleibt spannend und kurzweilig. 

Thematisch ist dieses Album sehr dunkel, es geht um die eigenen Dämonen und die des Umfeldes. Es geht darum, wie Menschen sich langsam umbringen. Und es geht um psychische Krankheiten, die Menschen verändern, bis sie daran sterben, wie Alzheimer. Man ist dann wie im Film und wartet darauf, das bestimmte Dinge eintreffen. Man kann nichts machen, außer zuzusehen. 

Wer die Vorgänger der Band bereits hatte, der wird auch dieses Album haben/kaufen und feiern. Menschen, die Sólstafir bisher nicht kannten, können hier einen Einstieg finden. Die Sprache könnte vielleicht eine Hürde darstellen, aber es gibt weltweit Fans, die ihre Songs auf Isländisch mitschmettern. Man muss es eben nur wollen und sich auf Titel einlassen, die jenseits des 3:30-Schemas sind und ein Albumhörer sein.  

Release: 06.11.2020
Label: Season Of Mist

Anspieltipps: Úlfur, Alda Syndanna, Akkeri

6/6 Punkten (Man kann den kalten Wind auf der Haut schon spüren.)

Sólstafir - Endless Twilight of
Codependent Love
(Quelle: Presskit von Season Of Mist)

Sonntag, 1. November 2020

Bitch Falcon - Staring At Clocks (Small Pond Records/Fleet Union)

Bitch Falcon, die hatten wir hier mal, könnte man getrost als Band der Lagen bezeichnen, obwohl die Musiker_innen nur zu dritt sind. Das dubliner Trio gibt es bereits seit 2014, nur hat man es noch nicht geschafft, ein Album auf die Beine zu stellen. Es gab eine EP und ein paar Singles. Nun Starren wir zusammen mit den Künstlern, die allesamt einer normalen Tätigkeit nachgehen, auf Uhren. Staring At Clocks beginnt mit einem relativ verstörendem Geräusch. Wenn ihr Nachbarn habt, die ihr ärgern wollt, dann könnt ihr das Intro von "I'm Ready Now" nehmen. Dabei ist das Album alles andere, als eine lose Ansammlung von Geräuschen, das konnte man bei der Single Gaslight ausgiebig erkunden. 

Wir betreten eine 41 Minuten große Kathedrale. Das ist als Raummaß schon eigenartig, das Album ist nun mal nicht länger. Von allen Seiten wird der Klang reflektiert, von klaren, riesigen wänden, die kühl scheinen. Man wähnt die Band an jeder Ecke, der Bass ist stets präsent, die Gitarren geben mal pure Verzerrungen wieder, ein anderes Mal werden die Saiten klar angeschlagen und fast ungefiltert über die Verstärker wiedergegeben. Und trotzdem es um echt Teilweise finstere Thematiken wie Depressionen, niedriges Selbstbewusstsein und Ängste geht, sind die Songs mit Energie geladen. Es gibt schnelle Rhythmen, wie in Damp Breath; es wird auch mal entspannt mit verschlafenen Augen zu Klängen getanzt, die aus den 80ern sein könnten. Der Bass und die Gitarre stehen auch mal in einem Konflikt zueinander, als würden sie das eine nicht mit dem anderen in Übereinstimmung bringen können. Die Band bezeichnet ihre Musik als Dream Grunge. Vielleicht fühlt sich eine Depression auch so an, denn dies ist nicht nur ein Stimmungsbild, sondern befällt den Organismus. Die vielen Einflüsse von außen treffen zusätzlich auf einen ein und um klar zu kommen, verkriecht man sich. 

Die Produktion ist übermächtig gut und wird der Musik mehr als Gerecht. Die Samples, die aus Trickfilmserien der 80er sein könnten, passen ins Bild, dabei sind die Künstler zu dritt und bedienen eigentlich nur die analogen Instrumente. Das wird auf der Bühne sicher lustig. Obwohl, da war ja was. 

Release: 06.11.2020
Label:  Small Pond Records

Anspieltipps: Gaslight, Damp Breath, Test Trip

6/6 Punkten (Jetzt werden alle auf den Kalender starren & auf das Ende des Novembers warten.)

Bitch Falcon - Staring At Clocks
(Quelle: Presskit von Fleet Union)

Samstag, 17. Oktober 2020

Crippled Black Phoenix - Ellengæst (Season Of Mist)

Wer sich vielleicht erinnern kann, die Band Crippled Black Phoenix hatten wir hier mal, mit ihrem recht verstörenden Video zu Lost, welches nicht mehr und nicht weniger als bittere Wahrheit über das Leben zeigt, welches hinter unserem Leben abspielt. 

Dabei fing alles gar nicht mal so gut an. Als man mit den Aufnahmen für Ellengæst beginnen wollte, hatte sich der Sänger Daniel Änghede kurzfristig dazu entschieden, die Band zu verlassen. Natürlich könnte man an dieser Stelle schon mal den Sand in den Kopf stecken (das fühlt sich sicher ekelhaft an), nicht so diese Band, obwohl man schon etwas Glück gehabt haben muss. Denn es meldeten sich genügend andere Musiker, darunter Berühmtheiten wie Gaahl oder Vincent Cavanagh. Und eben durch diese Gastmusiker und Freunde (so werden sie zumindest in der Mail von Season Of Mist aufgeführt) wirkt jeder Song in sich, wie ein eigenständiges Teilstück, dass mächtiger ist, als der Titel davor. 

Die generelle Grundstimmung auf "Ellengæst" (ein Wort aus dem Altenglischen mit einem Hauch Skandinavischer Sprache angehaucht, steht für einen starken Geist) ist recht düster, fast unangenehm, aber dennoch pompös. Das Grundgerüst besteht hier nicht nur aus den einfachen Rock-Zutaten (nicht das Kleidungsstück), sondern integriert alles, was die heutige Technik möglich macht. So auch Samples eines alten Zahlensenders in "Lost" oder aus Filmen, wie in In The Night. Dieser Titel wirkt so, als hätte Nick Cave eine ziemlich depressive Phase gehabt und diese lyrisch sowie musikalisch umgesetzt. Dabei hören wir eben Gaahl, den ehemaligen Sänger der Black-Metal-Band Gorgoroth. Die Gitarren klingen so, als hätten wir seit den Achtzigern nichts besseres gehabt, es gibt sogar ein Gitarrensolo. Der Sound aus der Vergangenheit zieht sich zum größten Teil durch das gesamte Werk, was über 56 gewaltige Minuten misst. Man könnte es einen Hauch von Shoegaze nennen, für Blackgaze ist hier zu wenig physische Gewalt auf der Platte enthalten. 

Durch den stetigen Wechsel der Gäste auf den Titeln und die dadurch entstandenen, eigenen kleinen Microkosmen, kommt keine Langeweile auf, auch wenn viele der Titel die Grenze von sieben Minuten übersteigen. Trotzdem wirkt hier nichts unglücklich gestreckt und der aufgefüllt, alles es ist so geworden, wie es eben hätte werden sollen. Jeder, der sich dem Album hingibt, wird seinen eigenen Favoriten finden und vielleicht auch nachforschen wollen, wer der ein oder andere Gastmusiker ist und was für Musik dieser gemacht hat oder auch noch macht. 

Release: 09.10.2020
Label: Season Of Mist

Anspieltipps: Lost, She's In PartiesCry Of Love

5,5/6 Punkten (Der richtige Soundtrack für diese ungemütlich dunklen Tage.)

Crippled Black Phoenix - Ellengæst
(Quelle: Presskit von Season Of Mist)

Montag, 14. September 2020

Sunken - Livslede (Vendetta Records/All Noir)

Das die Dänen gegenwertig ein Händchen für Black Metal und Blackgaze haben, zeigten bereits Møl (Jord hatten wir hier) und Myrkur, wobei ihr vorletzter Langspieler (hatten wir hier) eher Black Metal ist. Die Männer von Sunken können sich da locker mit einreihen. Diese Band existiert bereits seit 2012 und haben ihr erstes Album 2017 veröffentlicht. Der Nachfolger kommt am 18.09. auf den Markt und hört auf Livslede. Übersetzt heißt das "Lebensüberdruss". Das Googeln des Begriffes ergab nicht wirklich eine klare Definition, man landet eher auf einigen Psychologieseiten. 

Am Anfang wird der Zuhörer von etwas Meeresrauschen (es könnte auch ein See sein), einem Klavier und irgendeinem Streichinstrument begrüßt. Ein altes Boot scheint auf Grund gelaufen zu sein. Man kleidet das alles in recht viel Hall, man fühlt sich allein. "Forlist" heißt ja auch Schiffswrack. Darauf folgt ein ähnlich ruhiges Intro zu Ensomhed, was ein zu eins "Einsamkeit" heißt. Wenn man den Text durch den Übersetzer jagt, merkt, dass es um das Alleinsein geht, darum nicht zu wissen, wie klein man eigentlich in diesem Universum ist. Die klangliche Untermalung wirkt nach einiger Zeit vielleicht etwas rau, wie es eben an der See mitunter sein kann. Dennoch wird nicht ständig geknüppelt, es gibt Unterbrechungen die dem Ganzen die Würze verleihen. Der teil des Songs beginnt ab Minute 09:09. Man denkt, man bekommt ein Stück aus dem Soundtrack von Interstellar dargeboten, es klingt allumfassend, als wolle etwas Großes einen verschlingen. Oder es tun sich riesige, neue Welten vor einem auf. Das klingt eigentlich weniger nach Überdruss, denn nach etwas unfassbar Epischen. Die Zeitangabe könnte vielleicht einige verschrecken, durch die Staffellungen in den einzelnen Titeln, kommt es einem aber so vor, als hätte man mehr als fünf Titel bekommen. 

Klanglich ist man mehr als auf der Höhe der Zeit. Vorbei sind die Epochen, als Black Metal geklungen hat, als hätte man die Songs mit einem alten Mobiltelefon aufgenommen. Auch wenn einige deswegen vielleicht ausrasten würden, das hier ist am anderen Ende. Auch wenn sich die Band ganz groß schwarzes Metall auf die Fahnen geschweißt hat, ist hier auch viel Gaze dabei. Das bricht es eben auf und macht es greifbarer und man bekommt nicht einfach verschränkte Arme und grimmige Gesichter zu sehen. Es wird hier und das was eingestreut, dann trifft man sich an einem ruhigen Punkt um dann gemeinsam lauter zu werden.

Da wir hier Dänisch auf die Ohren bekommen, von einem Sänger der etwas sehr grimmig klingt, versteht man nun nicht unbedingt viel. Da helfen Textbook oder die Texte auf Bandcamp weiter. Trotzdem man nur fünf Titel hat, obwohl man "Forlist" eher als Intro sehen sollte, denn als vollwertigen Song, hat man hier fast 45 Minuten Musik auf den Ohren. Das liegt wohl am Genre. 

Release: 18.09.2020
Label: Vendetta Records

Anspieltipps: Ensomhed, Dødslængel

5,5/6 Punkten (Der Soundtrack für den herannahenden Herbst.)

Sunken - Livslede
(Quelle: Presskit von All Noir)

Donnerstag, 3. September 2020

Youtubisch Vol. 39

 Zum ersten Video setze ich eine Triggerwarnung. Die Band Criplled Black Phoenix hat ein recht brutales Video zusammen gestellt. Wer die Bilder von geschredderten Küken, verhungerten Kindern oder misshandelten Ferkeln nicht ertragen kann, auch wenn es die pure, harte Wahrheit ist, kann sich die Single Lost auf Bandcamp anhören.
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Zu Beginn wird man vom Klang eines alten Zahlensenders begrüßt. Das klingt unheimlich, das ist es auch. Diese Sender dien(t)en dazu, Agenten weltweit via Radio auf bestimmten Frequenzen zu erreichen, damit diese dann Befehle ausführen können. Nach ein paar Sekunden setzen Trommeln ein, der Gesang kommt mit der Gitarre um die Ecke. Akustisch wähnt man sich auf weiter Flur, umgeben von einem eisigen Wind. Die Bandmitglieder kommen aus Schweden und Großbritannien, was den Sound erklären kann. Die elektrischen Gitarren flirren hier und da durch, die Stimme der Sängerin ist leicht verzerrt und wird ab und an von einer Männerstimme unterstützt. Textlich wird die menschliche Gesellschaft behandelt. Wir sind als Menschheit verloren, wir verbrauchen mehr Planet als wir übrig haben und lassen alles und jeden hinter uns, der nicht mithalten kann. Die Folgen kann man sehen, sie werden einem täglich vor Augen gehalten und dennoch ignoriert man sie, weil man die Bilder zu oft gesehen hat oder weil man das Elend nicht wahr haben mag. Auf jeden Fall eine sehr aufrüttelnde Single. Das Album Ellengæst wird am 09.10.2020 auf Season Of Mist erscheinen. 

Crippled Black Phoenix - Lost
(Quelle: Youtube.com)

Der nächste Track hat zwar ein weniger brutales Thema, auch die Bildsprache ist weniger brutal. Es gibt viele Gäste im Clip, das Thema ist klar. Es geht um das noch laufende Jahr 2020. Das Virus und was alles noch passiert ist, gerade wegen des Viruses oder auch anderweitig, siehe Wirecard. Kafvka will zwar 2020 skippen, was man auch sonst so mit anderen ungeliebten Sachen macht, Tracks, die man nicht mag, Werbung vor Youtube-Videos, Videospielzwischensequenzen, wenn man sie schon zum zigsten Male sehen muss, weil man wieder verkackt hat. 

Aber ich persönlich denke, dass das Jahr mit all seinen Ereignissen, die Pflaster von den erkennbaren Wunden reißt, die überall zu sehen sind. Mangelnde Digitalisierung der Gesellschaft, die rechten Umtriebe (die man ja nicht wahr haben will), Schlachtbetriebe, die ihre Mitarbeiter aus dem Osten Europas ankarren lassen und zu menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und leben lassen, Finanzunternehmen, die es so gar nicht geben dürfte und Fluggesellschaften, die um Geld betteln. Klar könnte man nun auch kritisieren, dass man keine Parties mehr feiern kann, dass man keine Konzerte mehr besuchen kann oder massenhaft Festivals abgesagt werden. Dem Virus ist es aber egal, woher du kommst, wieviel Kohle du im Monat machst oder woran du glaubst. Da muss man mal eben die Arschbacken zusammenkneifen. Die ganzen Probleme müssen m.E. angegangen werden, damit das Jahr 2020 nicht ganz verloren ist und nicht umsonst geskippt wird. Hier trifft, fast wie im Nu-Metal, Rap auf Metal und Rock, aber weniger proletenhaft. Der Rap ist böse und bei jeder Line denkt man: "Scheiße, er hat Recht." 

Kafvka - Skip 2020
(Quelle: Youtube.com)


Und dann fühlst du dich trotzdem noch machtlos.

Montag, 17. August 2020

Kid Dad - In A Box (Long Branch Records/SPV/Fleet Union)

Kid Dad hatten wir hier mal im Interview, wer sich vielleicht daran erinnert. Damals waren die Jungs mit RAZZ auf Tour und es gab nur eine kurze EP, das Potential der Band zeigte sich bereits hier. Auch auf der Bühne konnte das Quartet überzeugen. 

Nun ist zwischen dem Interview und In A Box relativ viel Zeit vergangen, die Jungs studieren ja noch. Ihr angesammeltes Wissen spiegelt sich auf dem Langspieler in jeder einzelnen Sekunde wieder. Das Beginnt schon beim kurzen Intro, welches einen leeren Raum darstellt. Die Aufnahmen hingegen fanden außerhalb von gewohnten Bahnen statt, da man mal in Ostfriesland, mal in Berlin und auch Hannover war. Wer jetzt genau diese Einflüsse sucht, kann sie finden, das muss aber nicht passieren. In A Box wirkt wie aus einem Guss aber dennoch spannend. Es gibt Spannungsbögen, man wirkt zerbrechlich wie im Grunge, es gibt nicht direkt lärm. Dann gibt es Songs, die Anfangen wie die besten Stücke von The XX, um dann doch mal kurz mit den Gitarren alles niederzuschlagen. Und genau im selben Stück geht es dann wieder zurück zu den Briten, die früher gerne viel Schwarz trugen. Direkt im ersten Durchlauf hat man das Gefühl, dass das ein Album voller Lieblingslieder werden kann. Die Melodien schneiden sich direkt in die Gehirnwindungen fest und mehrfach huscht einem einen Grinsen über das Gesicht, da man den nächsten guten Moment auf der Platte erwischt hat. 

Thematisch geht es recht ernst zu. Man singt über unsichtbare Gefängnisse, darüber, dass man am liebsten Brennen würde, es geht um den Selbsthass, dass man nicht der sein darf, der man ist und dass man hier und da Notlügen einschleust, was mitunter die menschliche Natur ist. Das sind mitunter die Themen, die einen umtreiben, wenn man erwachsen wird und auf seine Eltern oder Großeltern sieht, was die alles in ihren jungen Jahren erreicht haben. Man nimmt dem Sänger diese schweren Gedanken ab, man hört den Schmerzen, die Fragen und die Zweifel. 

Wie bereits erwähnt, setzen die jungen Männer aus dem Studium in ihrer Musik um. Es gibt nichts, was zu viel ist, nichts, was absichtlich streckt oder irgendwo künstlich eingestreut wird nur um ein paar Minuten mehr Musik auf den Langspieler zu bringen. Experimente, wie absichtlich falsch gestimmte Gitarren auf A Prisoner Unseen, glücken erstaunlicher Weise und passen direkt ins Soundgewand.

Release: 21.08.2020
Label: Long Branch Records / SPV

Anspieltipps: Happy, [I Wish I Was] On Fire, Window

6/6 Punkten (In diesem Alter sind die schon so gut!)

Kid Dad - In A Box
(Quelle: Bandcamp.com)

Donnerstag, 16. Juli 2020

Хмарь - Мгла (Bandcamptage)

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Band Møl aus Dänemark? Die hatten wir hier mal mit ihrem Album Jord. Seit diesem Meisterwerk bin ich auf Blackgaze, zumindest im Stile von Møl, hängen geblieben. Somit begab ich mich auf die Suche auf Bandcamp. Zum Glück ist dieses Genre nahezu eineindeutig, sodass man eigentlich nur noch hören musste und dann geschaut hat, was der Preis des Albums ist.

So fand ich das Album Мгла der Band Хмарь aus Russland. Man findet leider nicht viel über diese Band heraus, es gibt keine Facebookseite oder einen eigenen Webauftritt, leider. Das große Oberthema ist "Dunst", zumindest ist das die Übersetzung von Google. VK übersetzt ähnlich, hat aber wohl die besseren Dolmetscher. Aber auch das Thema Wald wird durchgenommen. Gesanglich versteht man aber nicht so viel, es gibt ein Sample im Track Сон, der gleichzeitig die erste Single des Albums ist. 

Klanglich ist man jedoch nahe dem, was die Dänen von Møl auf die Beine stellen. Klanglich gibt man sehr viel weite, die Trommeln sind nicht immer am Durchrattern des Blackmetaltakt, nur der Sänger ist halt echt schwer zu verstehen. Man kann sich hier verlieren, freut sich über Details, die man entdeckt. 

Natürlich muss ich unter diesem Hauptthema über den Preis sprechen. Man verlangt hier für acht Titel auf einer Spiellänge von knapp 57 Minuten keinen müden Cent... oder Rubel. Man kann soviel geben, wie man mag. Wenn das jetzt kein Grund ist, vielleicht in die Welt des atmsophärischen Blackgaze abzusteigen, dann weiß ich es auch nicht.

Anspieltipps: ПыльСонЛепра

Хмарь - Мгла
(Quelle: Bandcamp.com)

Die Musik passt ja schon fast zu diesem wechselhaften Sommerwetter.